
(Video-) Filme aus Osteuropa 1950-2000
Im Sonderprogramm "Sex, Rock'n'Roll and History" geht es um "Trash", die Artikulationen von Sexualität, Perversion, Transgressivität und Monstrosität in den experimentellen Underground-Kurzfilm- und Videoproduktionen der sogenannten ehemaligen Ostblockstaaten seit Beginn der 90er Jahre. Das Programm untersucht den Underground, die Sub- und Kontrakulturen im Osten aus neuer und anderer Perspektive.
Der Akademismus ist tot, es lebe der Underground!
Mit dem Niedergang des Sozialismus im Osten verschwanden auch die traditionellen Produktionszusammenhänge der staatlichen Institutionen. Begünstigt durch das Aufkommen von Videoformaten, Internet und CD-ROM wanderte die ästhetische Innovation in den Untergrund ab. Mit Hilfe von ökonomisch oft bescheidensten Mitteln entstanden dort neuartige, oft performative Formen der Auseinandersetzung mit politischer Symbolik und Geschichte, sexueller Gewalt, Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit, "Verwestlichung" des Ostens und sozialer Differenz, die alle in die Frage der Dissidenz in einer postkommunistischen Gesellschaft mündeten. Wo in der westlichen Welt die Popkultur zum Träger von Differenz und identitätsbildenden Faktor wurde, übernahm in Osteuropa der Underground diese Rolle.
Der ästliche Blick
"Osteuropa funktioniert wie ein Symptom des hochentwickelten Westens, speziell was die Medien oder avantgardistischen Kunststrategien betrifft. Betrachtet man die Parallelen zwischen Ost und West, so findet man in osteuropäischen Medien und Kunstproduktionen wichtige Beispiele einer pervertierten und/oder symptomatischen Logik in Bezug auf westliche Strategien und visuelle Repräsentationen, die auf verschiedene Weise miteinander verknüpft werden. Ein gutes Beispiel dafür wäre die Verwendung von pornographischen Darstellungen, welche im Westen allgemein als nicht akzeptabel gelten, weil sie als Kommerzialisierung und Konsumismus - sowohl was den Körper als auch was die Medien betrifft - betrachtet werden. Wenn wir in Osteuropa aber pornographische Bilder in den Medien als politische Stellungnahme verwenden - und zwar eher als eine Form von Widerstand gegen politische Konformität denn als sexuelle Befreiung -, dann beruht dies auf einer komplett anderen Lesart dessen, was Pornographie repräsentiert." Marina Grzinic, "Räume, Körper Fehlleistungen", in: springerin Band IV Heft 3, 1998.
Der westliche Blick
Gab es im Westen Anfang der neunziger Jahre eine verstärkte Aufmerksamkeit für die ästhetischen Entwicklungen im Osten, scheinen diese heute wieder vollkommen im Nichts verschwunden zu sein. Während dieser "Indifferenzperiode" hat sich jedoch eine künstlerische Entwicklung vollzogen, die dieses Programm aufzeigen will. Der Underground des Ostens erscheint heute als irritierendes "Symptom" des hochentwickelten Westens: "Osteuropa ist ein Übermaß an Europa (wie vor dem Fall der Mauer: zu wenig, oder nicht genug europäisch) und kein Europa." (Marina Grzinic)
Die Wiederkehr des Politischen
Ästhetische und politische Zeichen erfahren als "Körper-" und "Anti-Politik" vollkommen andere, "pervertierte" Bewertungen im Vergleich zum Westen. Hier bricht eine Art traumatischer Realität durch die Oberfläche des Alltags: "Sie ist nicht rot, sie ist blutig." (Marina Grzinic) In diesen Werken findet man das Sexuelle (schwul, lesbisch, Transvestiten), Pornographie und das Historische als politisierte, theoretisierte Elemente, dargestellt nicht als Inhalt, sondern vielmehr als Kontext.
Länder, Filmemacher, Gäste
Die Kurzfilmtage zeigen eine bislang einzigartige Zusammenstellung von zum Teil schwer zugänglichen Werken, die sich über die Republiken der ehemaligen Sowjetunion bis hin zu den ex-jugoslawischen Ländern erstreckt. Im Vordergrund steht die Frage nach den Themen und Formen der aktuellen Auseinandersetzungen. Gezeigt werden u.a. Arbeiten von Marina Abramovic, Gábor Bódy, Peter Forgács/Tibor Szemz�, Sanja Ivekovic, Vladimir Kobrin, Dusan Makavejev, Zbigniew Rybczynski, Aleksandr Sokurov, Jan Svankmajer. Gäste u.a. Gleb Alejnikov (Russland), Stephan Kovats (Deutschland/Kanada), Olia Lialina (Russland), Mara Mattuschka (Österreich), Joanne Richardson (USA/Rumänien), Slavoj Zizek (Slovenien).
Die Programme
Politics of Sex, Body of Genders | (Politics of) Love | Exit � Underground | Forward History | Rewind � (Film) Documents | 16mm of Conceptual Nothingness | Body without Skin | Politics of Brutality | Future Dreams | Aliens and Spectres | Off Limits
Kuratorin des Programms
Marina Grzinic (Ljubljana, Slovenien): Geboren 1958 in Rijeka; Promotion in Philosophie in Ljubljana; Tätigkeit am Institute of Philosophy of the Scientific and Research Center der Slovenian Academy of Science and Art, als Medientheoretikerin, Kunstkritikerin und Kuratorin; Autorin von Büchern und Artikeln zu den Themen Medientheorie, Gesellschaft und visuelle Kunst; zusammen mit der Videokünstlerin Aina Smid produzierte sie 25 Kunstvideos, Kurzfilme, zahlreiche Videoinstallationen, Netzkunstprojekte und eine interaktive CD-ROM; Teilnahme an zahlreichen Video- und Filmfestivals, mehrere Preise; Ausstellungen in Museen und Galerien weltweit.