
Sind wir "Out of Time"?
Jeder Aspekt unseres Lebens unterliegt einer immer größeren Beschleunigung, bis zu dem Punkt, wo es uns unmöglich erscheint, Zeit direkt zu erfahren. Arbeits- und Freizeittechnologien unterteilen Zeit in winzig kleine Einheiten; sie wird verpackt und an uns zurückverkauft als ein Gefühl der "Lebenslust", "Lebensqualität", sogar als das Privileg, sich langweilen oder eine "Auszeit" nehmen zu dürfen. Wir surfen durch das Internet, hören Radio, kochen, streiten, alles auf einmal. Wir arbeiten rund um die Uhr und wünschten, der Tag hätte noch mehr Stunden. Aber erleben wirklich die meisten Menschen Zeit so?
"Out of Time", das Sonderprogramm der 47. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (3.-8. Mai 2001), geht davon aus, dass Zeit auf unterschiedlichste Weise wahrgenommen werden kann, dass es viele Möglichkeiten gibt, "out of time" zu sein, d.h. den Imperativ der Zeit, ihre Auswirkungen und Grenzen, bewusst und innerlich zu spüren. Das Konzept der Massenbeschleunigung wird auf mehreren Ebenen hinterfragt: im ländlichen Kontext, im Kontext von Kultur und Sex und selbst im Kontext so alltäglicher Probleme wie Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Von einer anderen Warte aus gesehen impliziert "out of time" zu sein einerseits einen akuten Zeitmangel, das Verlangen zu messen, zu komprimieren, zu beschleunigen, und andererseits eine Sehnsucht nach Aufschub, Aussetzen, Zeitlosigkeit, dem Außerhalb von Zeit. Zeitbasierte Medien selbst können, wie der menschliche Körper, Zeiterfahrungen verkürzen oder verlängern.
In der Tradition der Kurzfilmtage decken die 17 Programme eine große Bandbreite an Medien und Genres ab, von fröhen Lehrfilmen über Fernsehwerbung zu experimenteller Film- und Videokunst.
Die Kuratorinnen
Die Gastkuratorinnen des Sonderprogramms "Out of Time" sind Robin Curtis und Laura U. Marks. Robin Curtis stammt aus Kanada und ist Medienwissenschaftlerin, Kuratorin und Filmemacherin. Sie lebt seit 1989 in Berlin. Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang AV Medienwissenschaft an der HFF Potsdam-Babelsberg. Dr. Laura U. Marks ist Medienwissenschaftlerin und Programmmacherin, Assistant Professor am Fachbereich Film Studies der Carleton University, Ottawa, Kanada, und Autorin des Buches The Skin of the Film: Intercultural Cinema, Embodiment, and the Senses. Sie lebt in Ottawa, Kanada.
Neun internationale KünstlerInnen, KuratorInnen, ArchivarInnen und WissenschaftlerInnen stellen Gastprogramme und Performances vor.
Programme und Präsentationen
kuratiert von Robin Curtis und Laura Marks:
1. End of Time
Das Programm geht der urtümlichen Anziehungskraft des Zeitenendes auf den Grund und untersucht die verschiedenen Darstellungen vermeintlicher Nähe zum Zentrum des Hurrikans, zu dem Augenblick, der eine Epoche beendet.
2. Compression / Repression
Wir betrachten Dokumente aus der Vergangenheit, dokumentarische wie fiktionale, die alle auf ihre Art nahe legen, dass die Aufmerksamkeit des Betrachters durch die zeitliche Konzentration des Seherlebnisses Einlass in derartige Momente findet. Eine Erfahrung, die Vergangensein und Erreichbarkeit zugleich bedeutet.
3. Faster! Faster!
Fragmentierte Zeit wird zu Information und somit zur Ware. Diese Arbeiten sind Reflektionen über die Instrumentalisierung von Zeit, sei es in Form von Ausbeutung, wie in der Online-Soap-Opera I-Feuilleton, oder in Form von Kritik. Unfähig, auf das Fortbestehen von Ereignissen zu vertrauen, statten wir sie mit Intensität aus: Adrenalinstoß gefolgt von Taubheit.
4. Patience
Die Zeit steht still. Geduld, Lähmung oder die zeitweilige Zurückhaltung von Werturteilen sind notwendig, damit Neues entstehen kann, sei es ein Moment des Kontakts, die Worte, mit denen man sich ausdrückt, oder eine neue Chance für die Kunst.
5. The City Rages, the Country Sleeps
Eine sorgfältige Untersuchung der "Time and the other"-These, die davon ausgeht, dass die Großstadt ihre Fantasien von Zeitlosigkeit auf das Landleben projiziert. Eine Betrachtung feiner Unterschiede im Erleben von Zeit, vom Puls der Großstadt bis zu den Weiten der Tundra mit einem langen Zwischenstopp in Suburbia.
6. Anachrony
Dieses Programm untersucht die gleichzeitige Präsenz verschiedener Arten von Zeiterfahrungen innerhalb einer bestimmten Kultur bzw. eines bestimmten Zeitrahmens. Die Arbeiten widmen sich feministisch, durch Diaspora und interkulturell geprägten Arten des Erlebens (wodurch sich auch Fragen nach Tempo und Zeitrahmen ergeben) und machen so die vielen Facetten des "Hier und Jetzt" deutlich.
7. Mortality and Motility
In diesem Programm, das Wege und Möglichkeiten aufzeigt, mit denen die Zeitmessung auf den Körper transponiert wird (von künstlicher Befruchtung und Biorhythmus bis zu Stress und "qualitativ hochwertiger" Zeit), wird mit Hilfe von Werbung, Sportjargon, Film und "Vintage"-Videos aufgezeigt, welche Anziehungskraft und Ängste das Erfassen von Zeit in uns auslöst.
8. Exercises in Endurance
"Ausharren" beinhaltet sowohl Leiden als auch das Vergehen von Zeit. Obwohl wir uns unserer Körper nur selten gewärtig sind, fällt der körperliche Ausdruck der Erfahrung von Zeit zwischen die Pole Leid und Langeweile. Rituale verleihen dem Leiden des Körpers Würde; Performances verwandeln gewöhnliche Momente in direkte Zeiterfahrungen.