
Im großen, 23teiligen Sonderprogramm „Städte, Territorien“ blicken die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen auf chromglänzende Zentren und in zerfallende Vororte, sie zeigen die Gesichter der Stadt, schaffen Begegnungen mit Künstlern, die urbanes Leben in Bilder fassen, und diskutieren, „wie die Bilder tanzen lernten“.
Marseille ist ein Pulverfaß, gestopft voll mit Arbeitslosigkeit, kulturellen und sozialen Gegensätzen. Ein Wunder, daß es sich noch nicht entzündet hat — ein Wunder, das viel mit HipHop zu tun hat und Rap. Mit deren Hilfe verschaffen sich auch diejenigen Gehör, die sonst kein etabliertes Mediensprachrohr finden.
S?o Paulo ist die größte Stadt Südamerikas, die drittgrößte Stadt der Welt, die Stadt, die am schnellsten gewachsen ist. An ihr zeigt sich, was die Entwicklung der Megacities scheinbar unaufhaltsam mit sich bringt: daß Stadtteile austauschbar werden, ihr Gesicht verlieren, daß öffentlicher Raum zur bloßen Verkehrsfläche mutiert und Öffentlichkeit — wenn überhaupt — nur mehr in den Medien stattfindet.
„Bis Griffhöhe Originalmaterial, darüber schon mal Plastik“ — mit diesen Worten beschreibt ein Angehöriger des Landesministeriums für Stadtentwicklung die architektonischen Auswirkungen des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Dort, wo alte industrielle Hinterlassenschaften reihenweise durch Großprojekte wie Freizeitparks, Einkaufszentren oder Musical-Hallen ersetzt werden, etabliert sich eine PR- und Image-gesteuerte Sichtweise, die sich von den historischen Gegebenheiten löst, und global, mithin austauschbar wird.
Wer formt wen? Wie gehen die Menschen in der Stadt mit Visionen um, wie schaffen sie sich ihre eigenen Lebensräume, ihre Gegenmodelle, ihre eigenen Territorien? Aus diesen Fragen bezieht „Städte, Territorien”, das große Sonderprogramm der 45. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, seinen Reiz.
Im Mittelpunkt aller vier Programmteile — „BIGNES?”, „The City - Anchor or Wandering Place”, „Stadtprojektionen”, „Zentrum/Peripherie” — steht in jedem Fall nicht die vorgeplante Vision, sondern der künstlerische, oft überraschende Blick des Menschen auf seine Stadt. Das Festival führt damit die Diskussion über Weisen der Bildproduktion fort, die im vergangenen Jahr mit dem Sonderprogramm „Nützliche Bilder“ angeregt wurde. Gleichzeitig wird Bezug genommen auf Veränderungen, die sich in der direkten Umgebung des Festivals im Strukturwandel des Ruhrgebiets zeigen und nur im globalen Kontext verständlich werden. Während anderswo mit Hilfe der neuesten Technologien noch die großen Utopien geträumt werden, zeigen die Kurzfilmtage die kulturellen und sozialen Auswirkungen der Stadtphantasien, aber auch künstlerische Annäherungen und alternative Entwürfe.
Neben dem filmischen Teil bieten die Kurzfilmtage in Gesprächsrunden die Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit den verschiedenen Sichtweisen und dem unterschiedlichen Umgang mit Stadtplanung.
Einige Highlights:
Wie läßt sich das Verschwinden des öffentlichen Raumes durch Kunst aufhalten? — Dieser Frage geht das Projekt Arte/Cidade in Kooperation mit dem Goethe-Institut nach. Die Ergebnisse, die im Rahmen der Parallelbetrachtung Brásmitte (S?o Paulo-Brás und Berlin-Mitte) bisher gewonnen wurden, werden im Rahmen eines eigenen Programmblocks vorgestellt und diskutiert. (www.artecidade.org.br)
Gäste: Giselle Beiguelman, Mitbegründerin von Arte/Cidade, und Kurator Nelson Brissac Peixoto.
Renommierprojekte, optisch eindrucksvoll an Großrechnern visualisiert, und die Video-Arbeiten freier Initiativgruppen treffen bei den Kurzfilmtagen aufeinander. Auf der einen Seite die unternehmerisch organisierte Stadt, die sich dem ökonomischen Druck der Investoren anpaßt und international im einheitlichen Design präsentiert, auf der anderen Seite die „Freien“, die sich von unten, beispielsweise durch die Dokumentation alternativer Lebensformen, der Stadt nähern. Beides wird zu sehen sein im Sonderprogramm „BIGNES?“
Gleich in dreifacher Weise wird die aus Marseille stammende HipHop-Gruppe Da Mayor auf dem Festival vertreten sein: mit ihrem Clip „Le Partage“, gedreht auf einem Reifenfriedhof in der Provence; als Gegenstand der Dokumentation „Côte obscure“ von Ania Faas über die Marseiller HipHop-Szene; schließlich als Live Act bei der Party zur Verleihung des Musikvideo-Preises.
Der Clip „My Favourite Game“ von den Cardigans lieferte den Ausgangspunkt: Städte sind immer auch Orte der Bewegung — vom Zentrum in die Peripherie und zurück, von einer Stadt zur anderen... Der Programmteil „Transit(t)räume“ interpretiert „Städte, Territorien“ als Kulisse für Road-Movies und dynamische Clips.
Eine Sonderstellung nimmt der Workshop ein, den die Kurzfilmtage in Zusammenarbeit mit der Universität - GH - Essen und der Werkstatt Architektur und Film, Graz, veranstalten. Je 15 Studenten aus Essen und Graz werden die Zeit des Festivals nutzen, um die Stadt Oberhausen zu erkunden und den verschiedenartigen Territorien innerhalb ihrer Grenzen nachzugehen. Beispiele dafür werden sein: die künstlich entstandene Innenstadt, die gewachsenen Dörfer Osterfeld und Sterkrade, der „Strand“ am Rhein-Herne-Kanal, die Arbeitersiedlung „Ripse“ u.a. Dabei sollen Skizzen, Fotos, Collagen, Installationen oder Filme entstehen, die Oberhausen beispielhaft als Stadt und Territorium im Wandel erkunden. Untergebracht werden die Arbeitsgruppen in einem leerstehenden Café in unmittelbarere Nähe des Veranstaltungsortes, wo sie von allen interessierten Festivalbesuchern und Bürgern der Stadt bei ihrer Arbeit beobachtet werden können — „work in progress“ als Anregung zur Diskussion und Auseinandersetzung.
Die Kuratoren:
Jochen Becker, Madeleine Bernstorff, Ralph Christoph, Ania Faas, Nicole Gingras, Olaf Karnik, Tobias Nagl, Dirk Scheuring, Reinhard W. Wolf.
Workshop-Leitung:
Martin Hoelscher
Professor für Landschaftsarchitektur im Fachbereich 9 der Universität - GH - Essen
Hubert Sandmann
Werkstatt Architektur und Film, TU Graz