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Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
sehr geehrte Bundes- und Landtagsabgeordnete,
sehr geehrte Stadtverordnete und Sponsoren,
liebe Gäste und Freunde,
ich begrüße Sie herzlich im Namen der Kurzfilmtage!
Wir möchten heute ein paar grundsätzlichere Überlegungen zur Zukunft unserer Arbeit anstellen, - und auf den ersten Blick vielleicht sogar etwas abenteuerliche.
Für uns stellt sich die Situation kurz wie folgt dar. Der Kulturwert des Kurzfilms steigt derzeit umgekehrt proportional zu seinem Marktwert. Der Marktwert ist der Wert, der sich unmittelbar wirtschaftlich ausdrücken lässt: ob und wie man einen Kurzfilm verkaufen kann. Der Kulturwert hingegen ist das, was den Grad der gesellschaftlichen Verbreitung zum Ausdruck bringt. Beides, so lernen wir, kann in Widerspruch geraten. Eine Zeit lang, mit dem Erfolg des Internets und des Musikfernsehens, als der Kurzfilm im Kino schon nicht mehr zu retten war, gaben wir uns der Illusion hin, der Kurzfilm werde in Internet wie Fernsehen eine herausragende und kommerziell relevante Rolle spielen.
Es entstanden massenhaft Online-Awards, MTV wählte in Oberhausen Kurzfilme zur Ausstrahlung aus (und bezahlte sogar dafür die Filmemacher!), Einkäufer der Fernsehanstalten zogen von Festival zu Festival und wurden dort hofiert. Heute aber wissen wir, dass dadurch weder ein Markt dauerhaft entstand noch jemals wirklich Geld verdient wurde. Kaum ein Kurzfilm erzielt Einnahmen in Fernsehen oder Internet. Der wirtschaftliche Bedeutungsverlust des Kurzfilms aber war historisch gesehen der Beginn seiner Emanzipation. Seit man ihn nicht mehr verkaufen kann, konnte der Kurzfilm endlich das werden, was er immer war: ein kurzer Film. Für uns ist es vollkommen irrelevant, ob man den Kurzfilm verkaufen kann, solange er künstlerisch relevant ist.
Die Anzahl der Festival-Einreichungen - die ja auch Ausdruck eines bestimmten Produktionsvolumens insgesamt ist - nimmt in dem Maße zu, wie der Kurzfilm an Marktwert verliert. Allein in Oberhausen hat sich die Anzahl der Einreichungen für die Wettbewerbe in zehn Jahren fast verdreifacht auf über 6000. Andere Festivals verzeichnen ähnliche Zuwächse. Dies ist das Ergebnis einerseits von technologischen Veränderungen, die Kurzfilme sehr kostengünstig entstehen lassen, aber auch von digitaler Distribution und Präsentation und neuartigen sozialen Netzwerken im Internet; Veränderungen andererseits aber auch sozialer Art, die den Kurzfilm zum Mittel der kurzen Botschaft und des sozialen Austauschs machten.
Wir denken, dass diese Entwicklung ein Indiz dafür darstellt, dass sich Filmfestivals neben dem Internet zur bestimmenden Plattform für Filme generell entwickeln. Während sie früher einen Marktplatz für Filme darstellten, Filmen also eine kommerzielle Verwertung überhaupt erst verschafften, stellen sie jetzt Öffentlichkeit her, werden also selbst Verwertung. Auch auf den wenigen relevanten Filmmärkten der Welt findet nur weniges Absatz. Wie dramatisch die Situation bereits ist, illustriert ein Beispiel: Marco Müller, Leiter des Festivals in Venedig, hat zuletzt die Gründung einer Stiftung zur Verstärkung von Vertriebsmaßnahmen für die Festivals in Cannes, Berlin und Venedig vorgeschlagen, da die Mehrzahl der Filme selbst auf diesen Festivals derzeit nicht ins Kino vermittelt werden kann. Das heißt, der Begriff des Marktes selbst ist hier in die Krise geraten. Die Geschäfte werden mittlerweile an anderer Stelle gemacht, mit der DVD und zunehmend auch auf digitalen Kanälen. Der Film als Ware braucht keine Festivals mehr; und das ist die historische Chance, dort endlich bessere Filme zu zeigen.
Daher hat auch das Kino kommerziell gesehen keinerlei Zukunft. Der Kinobesuch ist allein in Deutschland von rund 800 Millionen Eintritten pro Jahr in den 1950er Jahren auf rund 124 Millionen heute zurückgefallen. Allein im Land Nordrhein-Westfalen beträgt die durchschnittliche Anzahl der Kinobesuche pro Jahr und Kopf gerade einmal noch 1,5. Videotheken machen doppelt so viel Umsatz wie Kinos. Wenn sich also die kommerzielle Verwertung des Films vom Kino abwendet - und nichts deutet darauf hin, dass diese Entwicklung aufzuhalten ist, wo wird man die Filme, mit denen das große Geschäft nicht zu machen ist, noch sehen können? Werden sie überhaupt noch entstehen?
Die Filmfestivals geraten in die historisch unvorhergesehene Rolle, eine kulturelle Verwertung für Filme zu werden, für die es keine oder nur sehr beschränkte kommerzielle Perspektiven gibt. Die Filmfestivals treten das Erbe des Kinos an, ein Erbe aber, das sie zu überfordern droht, ein Erbe, von dem man glaubte, das Öffentlich-rechtliche Fernsehen stände dafür in der Verantwortung. Aus dieser Rolle aber resultieren wichtige Fragen, mit denen wir Sie einen Moment lang beschäftigen wollen.
Wenn Filmfestivals nicht mehr Markt, sondern Forum sind, nicht mehr Orte des Tauschs, sondern Orte des Austauschs, nicht mehr Vermittlung, sondern Verwertung, was ist dann die Ertragsgrundlage für Filmemacher und Produzenten? Sollten Filmfestivals fortan für die Verwertung zahlen? Da Filmfestivals in ihrer derzeitigen finanziellen Ausstattung auf einen solchen Fall nicht vorbereitet sind, wer übernimmt diese Leistung? Könnte es sein, dass mittelfristig die gesamte traditionelle Verwertungskette eines Films zusammenbricht und ein Kinosterben unbekannten Ausmaßes erst noch bevorsteht? Werden daher Subventionen für die Kino- und Filmwirtschaft künftig überhaupt noch zu rechtfertigen sein? Und wenn mit den Kinos auch die Infrastruktur der Filmfestivals zusammenzubrechen droht - und einige Filmfestivals haben bereits schwerwiegende Probleme dieser Art, wo können sie zu welchen Bedingungen noch stattfinden?
Unsere vorläufige Antwort lautet: 1. Filmfestivals müssen künftig für die Verwertung von Filmen zahlen. 2. Das Leitbild von Filmförderung muss auf den Prüfstand gestellt werden. Filmförderung aus öffentlichen Mitteln sollte künftig allein der Herstellung von künstlerisch relevanten Werken und ihrer Präsentation dienen. 3. Kinokultur kann nur kulturell überdauern, indem einzelne Kinos als besondere, vielleicht sogar multifunktionale Veranstaltungsorte für Filmfestivals ausgebaut werden, als Exzellenzstandorte. Wir sprechen nicht von der schrecklichen Vorstellung, Kinos zu einem Erlebniszentrum umzuwandeln, um auf diese Weise ein überholtes Geschäftsmodell zu retten. Wir sprechen davon, dass die historisch und gesellschaftlich gesehen einzigartige Erfahrung von Kino nur überleben kann, wenn Kino zu einem Ort wird, wie man ihn heute schon selbstverständlich für die zeitgenössische Kunst erwartet: zu einem Museum. Jedoch nicht einer Aufbewahrungsanstalt für das Vergangene, sondern zu einem temporären Museum: ein Museum der bewegten Bilder, ein Museum des künstlerischen Films. Wer also das Kino erhalten will, muss es zerstören, um seine soziale Funktion wiederzubeleben. Das Kino wird nur als Museum überleben können, als ein Museum aber, das wir noch nicht kennen.
Sind also Filmfestivals auf dem Wege, ein temporäres Filmmuseum zu werden? Werden Filmfestivals künftig wie ein Museum für zeitgenössische Kunst funktionieren und eine ähnliche Infrastruktur benötigen? Welche Rolle werden sie dann im urbanen Leben spielen, was wird sich an ihrem Auftrag ändern? Oder ist es umgekehrt vielmehr so, dass die Museen für zeitgenössische Kunst bereits die Zeichen erkannt haben und den Filmfestivals ihre neue Rolle streitig machen?
Unsere vorläufige Antwort lautet: 1. Temporäre Filmmuseen, die eine traditionelle Unterscheidung zwischen Museum und Festival überwinden, sind eine schöne Vorstellung. Wir brauchen - sagt Michael André, Dramaturg beim WDR - mehr Filmfestivals, nicht weniger. Die Voraussetzung dafür ist gleichwohl ein Bewusstseinswandel bei den Kulturförderern: dass das Kino ein Ort mit technischen, sozialen und ästhetischen Sonderbedingungen ist. 2. Vielleicht werden die Museen für zeitgenössische Kunst die Filmfestivals überflüssig machen. Und wenn es so wäre, dann wäre es in Ordnung. Der Gegensatz zwischen hier Kunst und dort Film ist überholt. Daher macht es auch keinen Sinn, neue Filmmuseen oder Kommunale Kinos zu fordern. Was wir brauchen, das sind Orte, wo wir die Filme, die im Fernsehen, im Internet, in den Kinos nicht mehr zu sehen sind, sehen können. Kulturelle Bildung muss eine Idee davon entwickeln, wo und wie wir das ungeheure künstlerische Erbe des Films öffentlich zugänglich halten. 3. Filmfestivals müssen lernen die Beschränkung auf einen Ort und eine Zeit zu überwinden; sie müssen Bücher und DVDs machen, Partys und Konferenzen, sie müssen das bessere Fernsehen sein und die bessere Universität. Hier versagt in weiten Teilen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das vom Quotendruck korrumpiert ist, nicht weniger als das Kino in seiner gegenwärtig trostlosen Verfassung.
Wir möchten Ihnen daher abschließend ein Gedankenexperiment vorschlagen:
1. Wäre es vorstellbar, zumindest in allen größeren Städten, ein Kino nicht nur zu erhalten, sondern weiterzuentwickeln zu einem Ort, wo man wieder gerne Filme sieht, wo man andere Filme sieht und wo man Filme anders sieht? In Amsterdam entsteht mit dem SMART PROJECT SPACE gerade ein solch neuartiger, multifunktionaler Ort: zugleich Ausstellungsraum, Konzertsaal, Bibliothek, Kino, Café, Künstlerstudio und vieles andere mehr: ein transitorischer Raum, ein Raum, der sich mit den Menschen, die ihn nutzen, verwandelt. Vorstellungen in diese Richtung haben in Nordrhein-Westfalen zuletzt auch Städteplaner und Kulturwirtschaftler wie Ralf Ebert oder Bernd Fesel entwickelt.
2. Wäre es vorstellbar, Filmmuseum im Fernsehen oder im Internet als Video on Demand zu organisieren? Filmmuseum also nicht nur als einen entlegenen, unfassbar unzeitgemäßen Ort für wenige, sondern als eine Schule des Sehens für viele? Der größte Teil der Filmgeschichte ist schon verloren oder unzugänglich. Wäre es also denkbar, die Kinomuseen und Archive für wirklich gemeinnützige und ausdrücklich nicht-kommerzielle Interessen einem größeren Publikum wieder zugänglich zu machen? Vorbilder für solche Versuche gibt es, etwa den Pay-TV-Sender Z Channel in Los Angeles, der über zehn Jahre hinweg die Filmschule einer ganzen Generation war.
Und wie soll das alles finanziert werden? - Durch eine grundlegende Umwidmung von Filmförderung oder die Einführung einer Kultur-Flatrate für das Internet. Mit Blick auf Politik und Staatskanzlei fragen wir: Wie könnte man im Rahmen eines Gesamtkonzepts auch Vorschläge für eine Finanzierung ausarbeiten?
Ein letzter Gedanke: Filme werden mit der fortschreitenden Konvergenz von Fernsehen, Telekommunikation und Internet künftig wahrscheinlich überwiegend auf elektronischem Wege verfügbar sein und betrachtet werden. Auch die DVD wird nur ein vorübergehendes Stadium sein. Besteht daher überhaupt noch Bedarf an Festivals? - Sind also Filmfestivals selber schon ein Anachronismus?
Unsere vorläufige Antwort lautet: 1. Wahrscheinlich wird auch weiterhin, zumindest für bestimmte Publikumsschichten, Bedarf an den wesentlichen Angeboten von Filmfestivals bestehen, das heißt an einem gut projizierten Bild, kollektiver Wahrnehmung, Qualität der Auswahl, thematischer Ordnung, Austausch. Sicher sind wir aber nicht. Sicher ist gleichwohl dieses: Wenn es den Filmfestivals nicht gelingt, ihr Produkt zu entwickeln und den sozialen Mehrwert eines Filmfestivals nachhaltig und überzeugend auszuformulieren, werden sie verzichtbar. Und sicher ist auch, dass es nicht genügen wird, nur Filme zu zeigen; man wird sie noch klüger und schöner zeigen müssen, als es der Fall ist.
Ich möchte schließen und im Namen der Kurzfilmtage all denjenigen danken, die zum Gelingen der Kurzfilmtage beitragen - allen voran, mit Dank und Respekt: der Stadt Oberhausen. Ich danke der Staatskanzlei des Landes, dem Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, dem Auswärtigen Amt, dem Bundespresseamt und der Bundeszentrale für politische Bildung. Ich danke unserem Premiumsponsoren CANON und dem Die Gesellschafter mit ihrem Filmwettbewerb Short Notice. Ich danke dem Hauptsponsoren NRW.Bank sowie den Sponsoren EVO, Stadtsparkasse Oberhausen, Logstoff, Hobnox, Rothaus, Skoda, Landau Media und on the rock; unseren Medienpartnern arte, 3sat, Deutschlandradio, Galore, K.West, NRZ, INTRO sowie unseren Technikpartnern Christie, Medion, Pictorion/Das Werk und ARRI.
Mein persönlicher Dank gilt dem Team der Kurzfilmtage.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen fruchtbare Tage in Oberhausen