Dr. Lars Henrik Gass
Festivalleiter Internationale Kurzfilmtage Oberhausen:
Rede anlässlich der Eröffnung der 57. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen
5. Mai 2011, Lichtburg Filmpalast, Oberhausen
S e n d e s p e r r f r i s t: 5. Mai 2011, 20 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort
---------------------------------------------------------------------------------------------------
Verehrte Frau Ministerin, liebe Frau Schäfer,
verehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Wehling,
verehrte Bundes- und Landtagsabgeordnete,
verehrte Stadtverordnete und Sponsoren,
liebe Gäste und Freunde,
ich begrüße Sie recht herzlich im Namen der Kurzfilmtage!
Während meines Studiums in Berlin habe ich mehr Zeit in einer Buchhandlung verbracht als in der Bibliothek. Die Buchhandlung, die heute verschwunden ist, trug den Namen Heinrich Heine und war direkt im Bahnhof Zoologischer Garten gelegen. Sie war die erste gewesen in Berlin nach dem Krieg und für mich die aufregendste, weil man dort bekannten Schauspielern wie Edith Clever oder Regisseuren wie Peter Stein begegnen konnte. Nach gegenwärtigen Maßstäben war sie schlecht geführt. Als Kunde fand man sich nicht zurecht. Es gab keinerlei Orientierungshilfe. Auch einen Bestsellertisch gab es nicht, vielleicht nicht einmal Bestseller. Seit langem vergriffene Bücher konnte man hier noch finden. Aber die Bücher waren dem schnellen Zugriff entzogen. Die Regale waren bis unter die Decke voll gestopft, die Bücher verstaubt. Brachte man nicht Zeit, Neugier und Geduld mit, so wurde man hier nicht glücklich und war auch nicht willkommen. Man hatte mit Buchhändlern zu tun, die alles wussten und besser als man selber. Niemand nahm einen „bei der Hand“, wie man heute sagt. Überforderung war hier Prinzip. Man musste selber etwas entdecken, und dennoch war man nicht verloren. Man hatte ja die Bücher. Man wuchs daran, dass die Dinge nicht einfach waren. Es war das Gegenteil von Lehrplan. An diesem Ort aber habe ich mehr gelernt als in manchem Seminar.
Ich musste zuletzt oft an diese Buchhandlung denken, denn wir hören viel über Evaluierungen und Zielvereinbarungen und verbringen viel Zeit damit. Gleichzeitig jedoch begegnen wir einer zunehmenden Ratlosigkeit darüber, wie Kultur zu bewerten sei. Darüber möchte ich heute zuerst sprechen.
Was ist ein gutes Filmfestival? Was begründet eine Förderung für das eine und keine für das andere? Je mehr Filmfestivals entstehen, desto nötiger ist die Stärkung des Unterscheidungsvermögens. Beurteilen können heißt vergleichen können. Ebenso sage ich mit Blick auf die Filmauswahl der Kurzfilmtage: Wir wissen nichts besser, wir haben nur mehr gesehen.
Einer fachlichen Beurteilung, was ein Filmfestival, ein Theater, ein Museum vom anderen der Qualität nach unterscheidet, ja, was ein Kriterium der Beurteilung desselben überhaupt noch sein kann, ist der Boden längst entzogen, selbst dort, wo Förderentscheidungen Alltag sind. Unvergesslich etwa, wie ein Mitarbeiter eines Landesministeriums mich auftrumpfend wissen ließ, Kulturangebote müssten heute eben „hedonistisch“ sein – er meinte: populär, niedrigschwellig. Fast möchte ich glauben, dass der ökonomische Druck auf den öffentlichen Haushalten nur sichtbar macht, dass die Legitimation von Kultur schon lange auf schwachen Beinen stand. Kultur in allen Sparten sieht sich mittlerweile der Rede von „Erneuerung“ und „Weiterentwicklung“ ausgesetzt. Doch hat kaum jemand für das eine oder das andere ein Argument zur Hand hat, was warum und wohin zu entwickeln sei. Ein neuer Kulturmanager gilt schon als Erneuerung und eine Verlagerung von Kulturmitteln in den Geschäftsbereich der Standort- und Wirtschaftsförderung schon als Weiterentwicklung. Je mehr Legitimationsdruck ins Spiel kommt, desto mehr gerät das Entscheidende aus dem Blick.
Was die Filmfestivals anbelangt, so werden vielleicht Zuschauerzahlen beachtet, kaum aber noch Kriterien wie Anzahl der Vorstellungen und Filme, Anzahl der Premieren, Anzahl und Bedeutung von Fachbesuchern und berichtenden Medien, das Reflexionsniveau der Berichterstattung selber, Umfang und Inhalt von Katalogen und anderen Druckerzeugnissen, Anzahl der einreichenden und im Programm vertretenen Länder und Filmemacher, Aufwand bei Recherche und Sichtungsreisen, die Einhaltung von Spielregeln im Umgang mit Filmen und Filmemachern oder die Zusammensetzung und Durchführung von Jurys. Noch schwieriger wird es, mittel- bis langfristige Wirkungen zu bewerten, also ob etwa die Filmemacher in der Folge weiter auf hohem Niveau arbeiten oder Preise erhalten, ob die Arbeit eines Filmfestivals spürbar Nachahmung erfährt und sich auch international dauerhaft beweisen kann.
Das Entscheidende aber ist für mich Folgendes: Ein gutes Filmfestival ist wie jene verschwundene Buchhandlung. Man geht mit Erwartungen hinein und kommt mit Erfahrungen heraus. Man bekommt etwas anderes, als man erwartet. Ein Filmfestival ist ein Ort, an dem man ein anderer wird. Überspitzt könnte man sagen: Kultur dient der Infragestellung, nicht der Vermittlung von Werten.
Kultur ist also weder die Verlängerung des Stadtmarketings noch der Ersatz für Bildungs- und Sozialpolitik. Das berühmt gewordene Leitbild der Kulturpolitik in Deutschland „Kultur für alle“ von Hilmar Hoffmann, dem ersten Leiter der Kurzfilmtage, reagierte kritisch auf eine Elitenkultur und wollte den Zugang zur Kultur durch günstige Preise, arbeitnehmerfreundliche Öffnungszeiten, Ausweitung der Angebote usw. ermöglichen. Das Kriterium war nicht, ob Kultur von der Mehrheit verstanden wird, sondern ob Kulturangebote nicht nur einer Minderheit zugänglich sind. Das ist ein Unterschied, denn Kultur für alle heißt nicht Kultur von allen. Kultur erreicht immer nur einzelne.
Filmkultur also hat immer den Blick auf das Neue ausgerichtet. Sie will etwas zeigen, das noch keine Mehrheit hat, vielleicht niemals eine Mehrheit haben wird. Trotzdem will sie Folgen provozieren. Vor allem will sie die Auseinandersetzung über Sichtweisen ermöglichen. Filmkultur erfüllt keine Erwartungen, sondern ermöglicht Erfahrungen. Kaum einer der vielen heute berühmten Filmemacher, die in Oberhausen ihre Kurzfilme gezeigt haben, hatte Erfolg mit Kurzfilmen. Man muss sogar sagen: Die Kurzfilme waren oftmals in hohem Maße ungewohnt und vielleicht sogar verstörend; einige sind es bis heute geblieben.
Als willkürliche Begrenzung von Zeit betrachtet ist Kurzfilm ganz und gar sinnlos. Ein Kurzfilm aber ist ein kurzer Film – und der hat einen wunderbaren Vorteil: Er ist wirtschaftlich gesehen vollkommen irrelevant. Und das genau ist die stets verbleibende Chance für eine künstlerische Erneuerung des Films. Daher habe ich mich immer dagegen gewehrt, dass man auch vom Kurzfilm verlangt, dass er gefällig sei.
Ich glaube auch, und das ist mein letztes Anliegen für heute, dass wir besser beraten wären, Filmförderung stärker nach künstlerischen Kriterien anzulegen, genau wie wir das mit gutem Grund auch für andere Künste tun. Es mag bis zu einem bestimmten Grad wirtschaftlich sinnvoll sein, Filme zu fördern, um den Standort zu stärken – nach dem Motto: Ich gebe Dir einen Euro, wenn Du bei mir zwei ausgibst. Doch von Wirtschaftlichkeit sind wir auch hier weit entfernt. Allenfalls 5-10% der Filmfördermittel werden auf Grund des Erfolgs an der Kinokasse zurückerstattet. Durch den erheblichen Einfluss des Fernsehens auf die Filmförderung entstehen fast nur noch Filme, die aussehen wie Fernsehen. Und die Filme, die so entstehen, mögen für die Quote geeignet sein, aber mit Filmkultur hat das nichts zu tun.
In Nordrhein-Westfalen wurde einmal viel für die Filmkultur getan. Man denke nur an die Filmredaktion des WDR, die noch unter der Intendanz von Fritz Pleitgen abgewickelt wurde. Die Abwicklung des letzten Kinomagazins im WDR ist schon angekündigt. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen wir alle hier durch das Fernsehen mit ungewöhnlichen Filmen, den ersten Godard-, Fassbinder- oder Bergman-Filmen in Berührung kamen. Ich frage Sie: Wie wollen wir erwarten, dass unsere Kinder einen kritischen Umgang mit Medien lernen, wenn wir einen solchen gerade abschaffen? Der Kinderkanal von ARD und ZDF etwa ist ein reiner Unterhaltungssender, der Kinder in ihrer Wahrnehmung allein auf das Gewöhnliche ausrichtet. Die Wochenzeitung DIE ZEIT bezeichnete das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland unlängst als „vom Volk bezahlte Verblödung“. Das ZDF hat gerade 54 Millionen Euro aus Gebührengeldern für etwas ausgegeben, das wir mit der Champions League im Privatfernsehen ohnehin schon sehen konnten. Die Tageszeitung DIE WELT kam darüber zu dem bitteren Schluss, „dass es in Deutschland keine unabhängige Kontrolle der öffentlich-rechtlichen Sender gibt“.
Die Rede, Film sei Kultur und damit jeder Film Filmkultur, ist mit Blick auf den deutschen Film nicht nur historisch falsch, sondern auch sachlich. Es gab immer Film, der wirtschaftlichen Erfolg suchte, und Film, der künstlerischen Erfolg suchte. Beides geht in Ordnung, und manchmal schließt es sich auch nicht aus. Filmförderung in Deutschland aber entstand allein mit kulturellen Absichten, zuerst hier in Nordrhein-Westfalen und nicht zuletzt wegen des Oberhausener Manifests. Der sogenannte Neue Deutsche Film, egal was man von ihm halten mag, hatte Erfolg durch Freiheit. Doch aus einer Förderung mit kulturellen Absichten, die den Film vom Erfolg an der Kasse freistellt und ihn den anderen Künsten gleichstellt, wurde in Deutschland ein Millionengrab. Förderung wird hier nach allem möglichen bemessen, nur nicht nach künstlerischer Qualität. Die meisten der Filme, die mit der Zielsetzung des Erfolgs an der Kasse entstehen, verdienen an der Förderung, nicht an der Kasse. Von Kultur ist hier nur deshalb die Rede, weil Subventionen für die Wirtschaft verboten sind. Kein Wunder also, dass die Wettbewerbshüter in Brüssel auf diese Art „Staatskino“, wie der Regisseur Klaus Lemke sagt, aufmerksam wurden.
Ich möchte daher bei Ihnen, liebe Frau Ministerin Schäfer, die Sie das Ressort Filmkultur neu übernommen haben, heute noch einmal dafür werben, dass Filmkultur mit Recht eine eigenständige Förderung erwarten kann und eine von Verwertungsinteressen frei gestellte Arbeit leisten muss. Ich möchte Sie einladen, mit uns einen neuen Weg in der Ausgestaltung von Filmförderung zu gehen. Ich sehe vor allem zwei Handlungsfelder:
1. ganz klar: der Bereich Filmbildung. Bildung aber verstanden als ästhetische Erziehung. Wir haben mit unseren Kollegen der Filmkultur in NRW bereits im letzten Jahr ein Konzept in Auftrag gegeben und vorgelegt, wie Filmbildung sinnvoll in die schulische Arbeit zu integrieren sei.
2. halte ich es immer noch für notwendig, genauer über Infrastruktur und Marketing von Filmkultur nachzudenken. Auch hierzu liegen seit geraumer Zeit Vorschläge auf dem Tisch, etwa zur Etablierung von Exzellenzstandorten, an denen Filmfestivals im Verbund mit anderen Kulturangeboten sinnvoll durchgeführt werden könnten.
Ich möchte schließen und im Namen der Kurzfilmtage all denjenigen danken, die zum Gelingen des Festivals beitragen – allen voran der Stadt Oberhausen, die uns auch unter den schwierigsten Umständen die Treue hält. Ich danke dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport Nordrhein-Westfalen, dem Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, dem Auswärtigen Amt, der BHF-BANK-Stiftung und der Bundeszentrale für politische Bildung. Ich danke der Hauptsponsorin NRW.BANK und der Hauptsponsorin des Kinder- und Jugendkinos EVO sowie den Sponsoren: Stadtsparkasse Oberhausen, Pilsner Urquell, Citroën, Netpoint Media und on the rock, dem Partner des Jugendkinos: der Sir-Peter-Ustinov-Stiftung, unseren Medienpartnern ARTE, 3sat, Deutschlandradio, K.West, NRZ, unseren Technikpartnern Medion, NEC sowie ABC&TaunusFilm. Mein persönlicher Dank gilt dem Team der Kurzfilmtage.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen ungewöhnliche Tage in Oberhausen.