Dr. Lars Henrik Gass
Festivalleiter Internationale Kurzfilmtage Oberhausen:
Rede anlässlich der Eröffnung der 55. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen
30. April 2009, Lichtburg Filmpalast, Oberhausen
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Wehling,
sehr geehrter Herr Staatssekretär, lieber Herr Grosse-Brockhoff,
sehr geehrte Bundes- und Landtagsabgeordnete,
sehr geehrte Stadtverordnete und Sponsoren,
liebe Gäste und Freunde,
ich begrüße Sie herzlich im Namen der Kurzfilmtage!
Besonders begrüße ich meine beiden Vorgängerinnen Karola Gramann und Angela Haardt.
Vielleicht erinnern Sie sich, dass es im letzten Jahr an dieser Stelle um die Zukunft der Filmfestivals ging. Ich war daher sehr dankbar, dass mich die Filmzeitschrift Schnitt einlud ein Themenheft zu dieser Frage zu machen. Das ist meines Wissens das erste Mal, dass sich so viele Festivalleiter – darunter die von Cannes, Venedig und Toronto – in so konzentrierter Form zu dieser Frage äußern. Die Ausgabe ist nun erschienen. Bitte kaufen Sie im Foyer ein Exemplar, und investieren Sie 4 Euro in die Zukunft der Filmfestivals!
Wie Filmfestivals unsere Zukunft, vielleicht auch die Zukunft der Städte und die Zukunft der Bildung unserer Kinder mit gestalten können, darüber sollten wir heute ein wenig weiter nachdenken.
In diesem Jahr, in dem wir fast 600 Filme in fünf Tagen zeigen, gilt es auch über zwei Neuerungen bei uns zu sprechen. Bislang gab es kein einziges Programm der Kurzfilmtage, das wir nicht selbst zusammengestellt hätten. Dieser, wie einige finden: teutonischen Oberhausener Strenge wollen wir mit einem Programm begegnen, das von den Filmemachern selber gestaltet wird: dem Open Screening. Hier können alle Filmemacher, die eine Arbeit eingereicht haben und nicht ausgewählt wurden, ihren Film doch noch auf dem Festival zeigen. Einzige Voraussetzung: Die Filmemacher müssen nach Oberhausen kommen und ihr Werk dem Publikum vorstellen. Das ist auch eine Antwort auf das Internet: am Dialog und der Begegnung festzuhalten. Die Anmeldungen wurden der Reihenfolge des Eingangs nach registriert, und es waren so viele, dass wir gar nicht alle zeigen können. Aber wir haben uns daran gehalten: Wir haben nicht ausgewählt!
Ganz anders die zweite Neuerung: Nach vielen Jahren wieder einmal führen wir einen Wettbewerb ein, einen Wettbewerb für Arbeiten aus unserem Bundesland Nordrhein-Westfalen. Beim letzten Mal, bei der Einführung des Preises für deutsche Musikvideos im Jahr 1999, sind wir noch ein hohes Risiko eingegangen, indem wir einer auf Festivals gar nicht vertretenen Form des Kurzfilms eine Anerkennung zuteil werden ließen, die uns zwar viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Kritik eintrug. Das ist heute anders.
Seit 1998 haben Arbeiten aus NRW im Festival einen festen Programmplatz – aber nicht als Wettbewerb. 1998 gab es die Internationale Filmschule in Köln noch gar nicht, und die Kunsthochschule für Medien war noch nicht sehr alt. Es war recht schwierig, ein konstantes Niveau der Produktion im Land festzustellen. Mittlerweile erhalten wir so viele Arbeiten, die es wert sind gezeigt zu werden, dass unser Deutscher Wettbewerb diese gar nicht mehr alle aufnehmen kann. Viele dieser Arbeiten aus NRW, die wir gezeigt haben, waren auch erfolgreich an anderen Orten, nicht zuletzt beim Deutschen Kurzfilmpreis.
In einer Zeit, in der Festivals für viele Filme die einzige Auswertung geworden sind, ist es vielleicht noch bedeutsamer als früher, Programmformate zu haben, in denen Entwicklungen und Kreativität sichtbar werden können. Das ist die historische Erfahrung des MuVi-Preises. Durch die Einführung dieses Preises halfen die Kurzfilmtage das Bewusstsein für eine künstlerische Betrachtungsweise des Musikvideos durchzusetzen. Ein Filmfestival muss durchlässig sein für Entwicklungen und zugleich bestimmte ästhetische Standards setzen. Es muss eine Marke sein, die sich erzählt. So fördert ein Filmfestival Filme und Filmemacher – reaktiv und aktiv zugleich. Hilmar Hoffmann, der erste Leiter der Kurzfilmtage, schrieb bereits 1970, dass Oberhausen immer der Versuch war, den rapiden Entwicklungen des Films sich nicht nur anzupassen, sondern diese auch mit einzuleiten.
In den letzten Jahrzehnten, also nicht erst seit Neustem, wurden wir immer wieder durchaus vorwurfsvoll gefragt, warum wir diesen oder jenen Kurzfilm, der entweder für einen Oscar nominiert oder sogar damit ausgezeichnet wurde, nicht gezeigt haben – man meinte: übersehen haben. Sprechen wir also nicht von den vielen Oscars, die Filmemacher, die in Oberhausen waren, gewonnen haben, sondern von den deutschen Oscar-Preisträgern, die wir nicht gezeigt haben.
Ich denke nicht, dass ein Festival, ob wir oder ein anderes, Filme „übersieht“ – ich erinnere etwa an den viel diskutierten Fall, dass „Das Leben der Anderen“ nicht im Wettbewerb der Berlinale lief. Ein Festival wählt genau das aus, wofür es steht. Ein Festival steht für bestimmte ästhetische Standards. In diesem Sinne ist es kein Unfall, wenn Filme nicht ausgewählt werden, sondern eine Entscheidung. Eine andere Frage ist, ob wir die Entscheidung für richtig halten.
Wenn zuletzt im Zusammenhang mit dem Oscar für den deutschen Kurzfilm „Spielzeugland“ verlangt wurde, die deutschen Filmhochschulen und Filmfestivals, die Filmemacher und Film abgelehnt hatten (es waren, soweit ich weiß, alle – und wir auch!), sollten sich „schämen“ (ich zitiere aus der Tageszeitung Die Welt), so ist das vornehmlich Ausdruck der Annahme, der Oscar sei so etwas wie ein vatikanisches Dekret. Er ist mit Blick auf das Entscheidungsverfahren aber vor allem Ausdruck des breitestmöglichen Geschmacks. In diesem Verfahren hat derjenige Film, der von den meisten stimmberechtigten Mitgliedern der Akademie, die den Oscar vergibt, gesehen wurde und deren Geschmack möglichst vereint, die meisten Chancen. Wen wundert es also, dass oft die konventionellsten Filme ausgezeichnet werden?
Ich finde es daher schade, dass man sich in Europa generell und in Deutschland nicht zuletzt, so sehr an solchen Standards orientiert, die Ausdruck einer ganz anderen Kultur und eines ganz anderen Auswertungssystems von Film sind. Zwar grenzt man sich von Hollywood wirtschaftlich wie kulturell ab, betrachtet es aber dennoch als den letzten Schluss in Sachen Film. Daher haben wir in Europa eine European Film Academy. Und natürlich haben wir eine Deutsche Filmakademie. Beide haben Aussehen und Verfahren des Oscar kopiert, auch wenn es wirtschaftlich sinnlos ist, Maßstäbe der US-amerikanischen Filmwirtschaft auf Europa zu übertragen, und künstlerisch sinnlos, Juryentscheidungen von Sachverständigen durch ein Abstimmungsverfahren unter Vielen zu ersetzen. Aus Preisen für den künstlerischen Erfolg hat man Preise für den Publikumserfolg gemacht.
Wen wundert es also, dass auch hier die konventionellsten Filme ausgezeichnet werden? Betrachten Sie sich nur die jüngsten Entscheidungen beim Deutschen Filmpreis! Und wen wundert es, dass auf den bedeutenden Filmfestivals der Welt meist ganz andere Filmemacher gewürdigt werden? – Und hier können wir den Faden vom Anfang wieder aufgreifen: Filmfestivals schauen oftmals genauer hin, und vor allem leisten sie eine geduldige Aufbauarbeit, indem sie Filmemacher, die keinen Verleih haben, fördern. Das ist eine Arbeit ohne Stars, ohne rote Teppiche, ohne Fernsehberichte. Und gerade Festivals wie Oberhausen, die der kurzen Form gewidmet sind, haben über Jahrzehnte viele Filmemacher, die man heute kennt, gefördert.
Die Frage für uns müsste also lauten: Wofür stehen wir, und was macht die Besonderheit des deutschen Films aus jenseits von Hollywood? Ich denke, wir sind auf dem falschen Weg, wenn wir mit verengtem Blick nur noch das Konventionelle für möglich und aussichtsreich halten. Gerade Filmfestivals müssen das Neue befördern. Oberhausen hat das über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg getan. Dieser Weg war nie der leichteste. Wenn Sie sich heute einmal die Reaktionen auf die ersten Filme von Scorsese, Herzog oder Polanski in Oberhausen oder gar die Filme selber anschauen, so werden Sie erstaunt sein, wie schwer dieser Weg schon früher war. Das goldene Zeitalter der Kurzfilmtage gab es nie. Dieses Festival hatte immer mit Unverständnis von außen zu kämpfen. Aber was kann uns allen mehr dienen? – Von Oberhausen gingen und gehen einige der wichtigsten Impulse für den Film in der Welt aus. Manch einem erscheint das nicht ausreichend. Wieder sind die Kriterien der unmittelbare Effekt und die große Zahl. Und wieder misst man Oberhausen am falschen Glanz der anderen Kultur. Dabei hat Oberhausen selber doch so viel zu bieten! Man rühmt diese Stadt in der ganzen Welt dafür!
Ich denke, wir alle kommen nicht um die Frage herum, wie wir Kultur künftig begründen wollen. Ich halte es etwa für keine gute Idee, von der Kunst zu verlangen, die sozialen Probleme des Gesellschaftswandels, für die sie nicht verantwortlich ist, zu lösen. Oder anders gesagt: Kunst kann einen sozialen Wert nur dann entfalten, wenn man sie Kunst sein lässt. Hier hätte ich mir ein eindeutiges Bekenntnis der kommenden Kulturhauptstadt Europas 2010 in Essen gewünscht – kurz: mehr Kunst statt Kultur. Leider aber musste auch hier ein Filmpreis nach Oscar-Vorbild her.
Ich bin dennoch zuversichtlich, dass die Filmfestivals in dieser Region gemeinsam mit der Kulturhauptstadt auf einem guten Weg sind. Wir wollen die Arbeit der Filmfestivals verstetigen, also auch über das Jahr hinweg in und mit den Schulen der Festivalstandorte im Ruhrgebiet tätig sein, und – vielleicht noch wichtiger: – die Arbeit mit Film in die Lehrpläne bringen. An diesem Projekt nehmen die Festivals in Duisburg, Dortmund, Bochum, Lünen und Oberhausen teil.
Warum dieses Projekt und worauf soll es hinauslaufen? Ich will es ganz schlicht sagen: Ich kann es nicht begreifen, dass man in Deutschland die Schule verlassen kann und noch nichts von Lang, Murnau oder Fassbinder gehört hat. Ich gestehe, ich finde Filmgeschichte und -ästhetik nicht minder wichtig als Goethe zu lesen. Bewegte Bilder bestimmen heute mehr denn je das aufwachsende Kind. Genau hier könnten wir den Blick lenken. Wie sollen junge Menschen in Fernsehen und Kino etwas beurteilen können, wie sollen sie den Reichtum an Formen und Formaten des Films verstehen, wenn sie gar keine Vergleichsgrößen haben?
Es geht nicht um Fragen des Geschmacks und nicht einmal um Medienbildung, sondern um die Frage, ob sich Bildung noch als eine lebendige Erfahrung des Anderen versteht oder ob es mit dem „Leben der Anderen“ getan ist. Film gehört für mich heute selbstverständlich in den Kunst-Unterricht. Wir können nicht erwarten, dass Jugendliche heute in Scharen in Museen, Theater oder auf Filmfestivals strömen, wenn wir nicht gleichzeitig dafür sorgen, dass Kunst, Theater oder Film in ihren gegenwärtigen künstlerischen Formen Bestandteil des Unterrichts sind oder zum festen Bestandteil der Berichterstattung in den Medien zählen! Bildung muss heißen: mehr Kunst und Kultur im Unterricht!
Es wäre daher eine wirkliche Investition in die Zukunft dieses Landes, wenn diese wunderbare Initiative „Jedem Kind ein Instrument“, die Sie, Herr Grosse-Brockhoff, mit der Bundeskulturstiftung auf den Weg gebracht haben, zu ergänzen wäre, und sei es nur im Kleinen, durch ein Projekt, das hieße: Jedem Kind ein Stück Filmgeschichte.
Ich möchte schließen und im Namen der Kurzfilmtage all denjenigen danken, die zum Gelingen des Festivals beitragen – allen voran, mit Dank und Respekt: der Stadt Oberhausen, die uns auch unter den schwierigsten Umständen die Treue hält. Ich danke der Staatskanzlei des Landes, dem Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien – diesem auch für eine Anhebung des Zuschusses –, dem Auswärtigen Amt und der Bundeszentrale für politische Bildung. Ich danke der Hauptsponsorin NRW.BANK sowie dem Hauptsponsoren des Kinder- und Jugendkinos, der EVO, sowie den Sponsoren Stadtsparkasse Oberhausen, Citroën, Logstoff, der Brauerei Rothaus, Landau Media, Netpoint Media und on the rock; dem Partner des Jugendkinos, der Peter Ustinov Stiftung, unseren Medienpartnern ARTE, 3sat, Deutschlandradio, K.West, NRZ, INTRO, unseren Technikpartnern Christie, Medion, Pictorion/Das Werk und ARRI sowie der Japan Foundation. Mein persönlicher Dank gilt dem Team der Kurzfilmtage.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen fruchtbare Tage in Oberhausen.