
Das Programm im Detail
"Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es 'so weiter' geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. [...] Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe." (Walter Benjamin)
In Kürze
Warum faszinieren Katastrophen die Menschen? Und was tragen Medienbilder zu dieser zwiespältigen Anziehungskraft bei? Wie und zu welchen Zwecken inszenieren Fernsehen, Medienkunst, Kino - kurz, alle Arten von bewegten Bildern - die Katastrophe? Diesen Fragen geht das Sonderprogramm "Katastrophe" der 48. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen in 15 Einzelprogrammen nach, die auf alle Spielarten der kurzen Form zurückgreifen, vom historischen Werbefilm bis zum aktuellen Videoclip oder Internetprojekt, und deren thematische Ansätze von "Nach dem Krieg" bis zu "Terror und Spektakel" reichen.
Katastrophe und Fortschritt
Die Vorstellung von der Katastrophe gehört zu den Ur-Denkbildern des Menschen. Die größte aller denkbaren Katastrophen ist die Apokalypse. In ihr vereinigt sich die Angst vor dem Untergang der Welt mit der Hoffnung, aus diesem Untergang möge eine neue Welt, das Reich Gottes entstehen. Das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 warf die Frage nach dem grundsätzlichen guten Willen Gottes auf. Die Antwort darauf fand man in der Überzeugung, dass staatliche Ordnung, Wissenschaft und technischer Fortschritt das Überleben in dieser Welt voller Gefahren sichern. Mit dem Fortschritt wuchs jedoch nicht nur die Zahl der möglichen Katastrophen, auch das Weltende können wir inzwischen eigenhändig auslösen.
Abbildungen der Katastrophe
In der cinematographischen Inszenierung sind dem Schrecken keine Grenzen mehr gesetzt. Aber auch durch das Fernsehen erreichen uns immer mehr Bilder - live und in Farbe - von immer mehr Katastrophen gleich welcher Art: Überschwemmung, Vulkanausbruch, schwerer Unfall, Kriegsgeschehen, die Auswahl ist unbegrenzt. Ihrer Anziehungskraft kann man sich kaum entziehen - als Außenstehender, wohlgemerkt. Schaudernd sehendie Zuschauer die Bilder vom Elend der Betroffenen, stellen sich die Gerechten das Schicksal der Sünder vor, hin- und hergerissen zwischen Faszination und Angst.
Das Sonderprogramm "Katastrophe" untersucht die mediale Wiedergabe von Katastrophen, deren Fabrikation zu politischen Zwecken ebenso wie deren künstlerische Inszenierung und Aufarbeitung. Es zeigt Geschichten von verheerenden Ereignissen, ob Krieg, Ökokatastrophe, Terror, Notstand, oder persönliche Katastrophen wie Traumata, soziale Ausrutscher oder einfach nur die Person zu vermissen, die man liebt. "Katastrophe" widmet sich individuellen überlebensstrategien sowie utopischen und dystopischen Visionen einer zukünftigen Welt. Es greift auf alle Spielarten der kurzen Form zurück, vom historischen Werbefilm für Elektrizität bis hin zum dokumentarischen Essay, Videoclip oder Internetprojekt. "Katastrophe" zeigt, wie Bilder die Ambivalenz zwischen Angst und Anziehung regulieren.
Die Programme:
DEATH ON THE SCREEN
Dieses Programm forscht nach dem konspirativen Zusammenhang zwischen medialem Bild und historischem Ereignis, zwischen Mythos und Spektakel: vom Absturz des Luftschiffs 'Hindenburg' 1937 über ironische Aneignungen des Attentats auf J.F. Kennedy bis hin zum simulierten Inferno einer heutigen Großstadt. Mit Filmen und Videos von Bruce Conner (USA), Jean-Claude Bustros (Kanada), T.R. Uthco und Ant Farm (USA), David Hoffos (Kanada) u.a.
SNOW CRASH
Die Einführung neuer Technologien bedeutet Rettung und Fluch zugleich: Ungeahnte Folgen für den Körper und die Psyche des Menschen machen sich oft erst nach Jahren bemerkbar. Dieses Programm schlägt einen historischen Bogen vom Segen der Elektrifizierung der Welt bis zu Horrorvisionen der Abhängigkeit des Menschen von digitalen Systemen und multinationalen Unternehmen der Computerindustrie. Mit Archivmaterial der Edison Manufacturing Company und Filmen und Videos von Kristin Lucas (USA), Alexander Hahn (Schweiz), Doug Aitken (USA), Thomas Mitscherlich und Franz Winzentsen (BRD) u.a.
ANTHROPOLOGIE DES UNTERGANGS
Risikogesellschaft, expansiver Kapitalismus, hegemoniale Kriege - das 20. Jahrhundert ließ keinen Zweifel daran, dass mit möglichen und wirklichen Katastrophen Geld gemacht werden kann - und wird. Ein Programm zur Schizophrenie der (Selbst-)Zerstörung im zivilisatorischen Handeln und Denken. Mit Filmen von Harun Farocki (D), Rox Lee (Philippinen), Stan Vanderbeek (USA) u.a.
NACH DEM KRIEG
Dieses Programm erzählt, wie sich der Krieg vom Schlachtfeld ins zivile Leben ausbreitet: Von der Dokumentation der unmöglichen Rückkehr der Soldaten bis zur politischen Satire einer amerikanischen Familie, die den täglichen überlebenskampf im Vorort mit militärischen Mitteln bestreitet. Mit Filmen und Videos von Anri Sala (Frankreich), Sherry Millner (USA), Zelimir Gvardiol (Jugoslawien) u.a.
DIE ZUKUNFT DER ANGST
Die Angst vor sozialer Unordnung oder dem Verlust von wirtschaftlichen und kulturellen Werten scheut kein Mittel zur Identifizierung eines vermeintlich Fremden, eines äußeren Feindes, den es aus- oder wegzusperren gilt. Die Kommerzialisierung der Inneren Sicherheit lässt heute das Schrecksbild einer Überwachungsgesellschaft entstehen, der durch die modernen Informationstechnologien immer weniger Grenzen gesetzt sind. Mit Filmen und Videos von Ashley Hunt (USA), John Watt (USA) u.a.
DOKUMENT UND WIRKLICHKEIT
An Bildern von Elend und Verzweiflung haftet der Moment des Voyeuristischen. Die Kamera rückt die Gesichter ins brauchbare Licht und dirigiert die Schaulust gegenüber dem Leiden des Anderen. Den Abgebildeten bleibt hingegen das Wissen - heute mehr denn je -, sich bewusst und unberechenbar in Szene setzen zu können. Dieses Programm diskutiert die unmögliche Grenze zwischen Realität und Repräsentation, zwischen Wahrheit und Täuschung. Mit Filmen und Videos von Luis Buñuel (Spanien), Sharon Lockhart (USA), Donigan Cumming (Kanada) und Olivier Zabat (Frankreich).
TRAUM(ATA)
Die Gespenster der Kindheit suchen die Erwachsenen heim, ein diffuser Schmerz verzehrt den Körper. Und dann sind da noch der trotzige Glauben an das Leben und die farbigen Träume, die den Weg aus der grauen Routine zerstörerischer Eltern- und Geschlechterbeziehungen zeigen. Mit Filmen und Videos von Tony Oursler/Sonic Youth (USA), Barbara Albert (Österreich), Ann Course/Paul Clark (Grossbritannien), Phil Solomon (USA) u.a.
Gastprogramme und -präsentationen:
TERROR UND SPEKTAKEL
kuratiert von Keith Sanborn (USA)
Dieses Programm beschäftigt sich mit der Dynamik der Gewalt in den Medien sowie den Strategien der Reaktion darauf. Von den internalisierten Schrecken der Religion zu nach Außen getragenen terroristischen Akten, die der Staat gegen seine Widersacher begeht und die Widersacher gegen den Staat. Die Arbeiten in diesem Programm treten in direkten Dialog mit den Massenmedien, auf dem Territorium, wo sich dokumentarische und experimentellere Produktionsweisen verbinden. Die Themen reichen vom "Heaven's Gate"-Selbstmordkult bis zu den Ereignissen am 11. September 2001 in New York. Mit Filmen und Videos von Peggy Ahwesh (USA), François Bucher (Kolumbien), Jonas Mekas (USA), Guy Maddin (Kanada) u.a.
Keith Sanborn ist Filmemacher und Videokünstler aus New York.
CRISIS MANAGEMENT
kuratiert von Benjamin Cook (Großbritannien) und Florian Wüst
Der Zivil- und Katastrophenschutz des Nuklearzeitalters diente vor allem der Stabilisierung der jeweils propagierten gesellschaftlichen Ordnung. Aus unzähligen Lehrfilmen und Fernsehspots schallte die Warnung, vorbereitet zu sein und sich an die Anweisungen des geschulten Personals zu halten, um das überleben zu sichern. Dieses Programm geht der bösen Ahnung nach, dass im Moment der wirklichen Katastrophe alle Hilfe zu spät gewesen wäre. Mit Filmen und Videos von Peter Watkins (Großbritannien), Werner Kreiseler (DDR), Aleesa Cohene (Kanada), einem Werbespot der Allianz Versicherung sowie britischen und US-amerikanischen Civil Defense Filmen.
Benjamin Cook ist der derzeitige Direktor des neuen Lux , London.
STATE OF EMERGENCY
kuratiert von Benjamin Cook (Großbritannien) und Florian Wüst
Das Programm zeigt, wie die Erinnerung an Katastrophen und das Leben mit Katastrophen zum kulturellen Fetisch werden kann, zum bindenden Element einer ansonsten hybriden kollektiven Identität - ob beim Sonntagsausflug zum Erdbebensimulator, in den Schweigeminuten an nationalen Gedenktagen oder im Erleben eines fortwährenden Krieges. Mit Filmen und Videos von Christoph Draeger und Martin Frei (Schweiz), Elia Suleiman (Palestina), Humphrey Jennings (Großbritannien), Yael Bartana (Israel) u.a.
ENVIRON/MENTAL
kuratiert von ?lab (Kanada)
Heute ist den Menschen klar, dass die Umwelt stirbt, und zwar größtenteils als Folge menschlicher Aktivitäten. Ausbeuterische Wirtschaftsformen bauen weiterhin nicht-erneuerbare Rohstoffe ab und beschneiden den kollektiven Geistesraum, während eine verborgene kulturelle Todessehnsucht immer deutlicher zutage tritt. Das Programm schlägt eine Änderung dieser Haltung vor. Mit Filmen und Videos von Steve Matheson (USA), Sandra Lahire (Großbritannien), Adbusters (Kanada), Michel Gondry (Frankreich) u.a.
?lab wurde 1996 als Forschungs- und Kommunikationseinheit von den Künstlerinnen Stéphane Claude und Gisèle Trudel gegründet. Andere Partner tragen regelmäßig dazu bei.
GEOGRAFIEN DES ÜBERLEBENS
kuratiert von Ursula Biemann (Schweiz)
Dieses Programm zeichnet eine Geographie subjektiver Erfahrungen von Konflikt, Vertreibung und Exil sowie den persönlichen Überlebensstrategien, die sich in Antwort darauf bilden. Mit Filmen und Videos von Alia Arasoughly (Palestina), Marina Grzinic und Aina Smid (Slowenien), Irina Pekeli (Mazedonien) und Abraham Ravett (USA).
Ursula Biemann ist Videokünstlerin und freischaffende Kuratorin, lebt und arbeitet in Zürich.
PSYCHOLOGIE DES SCHEITERNS
kuratiert von Babak Afrassiabi (Niederlande) und Florian Wüst
Dieses Programm widmet sich zwischenmenschlichen Situationen, in denen ein Scheitern an den gesellschaftlichen Vorgaben und selbst gesteckten Idealen zwangsläufig ist, ob gewollt oder ungewollt, ob erlaubt oder strikt verboten. Die Tour de Force aus Unfällen, Fauxpas und reuigen Bekenntnissen fährt vom guten Willen, der gerade deshalb umso zerstörerischer wirkt, bis zur Befreiung im Eingestehen körperlicher Erschöpfung. Mit Filmen und Videos von Knut ?sdam (Norwegen), Eija-Liisa Ahtila (Finnland), Bas Jan Ader (Niederlande) und mit Stan Laurel & Oliver Hardy.
Babak Afrassiabi ist bildender Künstler aus dem Iran, lebt und arbeitet in Rotterdam.
DIE PROGNOSTIZIERTE KATASTROPHE
Mediale Bedrohungsszenarien im Diskurskomplex Migration
Vortrag mit Filmbeispielen von Matthias Thiele (D)
Kontinuierlich verbreiten die Medien statistisches Wissen zu Migration, extrapolieren aus den demographischen Daten Trends und projizieren in die sogenannten Fakten Bedrohungsszenarien, die auf der einen Seite bis zur Sintflut und auf der anderen bis zum Aussterben der Deutschen reichen. Anhand zahlreicher Fernsehausschnitte wird gezeigt, mit welchen Bildern und Bildlichkeiten das Fernsehen die prognostizierten Katastrophen visualisiert und narrativiert.
Matthias Thiele, Studium der Film- und Fernsehwissenschaft in Bochum, promoviert zur Zeit über "Diskursivierung und Visualisierung von Flucht/Einwanderung im deutschen und US-amerikanischen Fernsehen".
NEW TERRITORIES IN THE SKY
Präsentation und Filmvorführung von MVRDV (Niederlande)
Hochrechnungen statistischer Daten münden oft direkt in ein Szenario der ökologischen Katastrophe, das nach schonungslos innovativen Lösungen verlangt. MVRDV sieht deshalb in zu Wolkenkratzern geschichteten Mini-ökosystemen die einzige Möglichkeit, den Menschen auch weiterhin eine ausreichende Nahrungsmittel- und Sauerstoffproduktion zu garantieren. Winy Maas, einer der Gründer von MVRDV (niederländischer Expo 2000 Pavillon), stellt Visionen von gestapelten Landschaften und ultra-kompakten Städten vor. Mit den Videos Metacity/Datatown (1999), Pig City (2001) u.a.
MVRDV ist ein Rotterdamer Büro, das Design und Studien in den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur produziert.
Internetprojekt:
HOW WILL I KNOW HER?
Internetprojekt von Miranda July (USA) und Emma Hedditch (UK)
How Will I Know Her? ist ein Internetprojekt darüber, vonder Person, die man liebt, weit entfernt zu sein, aus Gründen, über die man keine Kontrolle hat. Das mag zwar die allergewöhnlichste Katastrophe sein, ist aber auch die Ur-Muse und mit Sicherheit ein guter Grund, einen Film zu machen. 15 Mädchen aus Oberhausen, London und Portland werden gezeigt, wie sie Fotos von den Menschen, die sie vermissen, halten. Ihre traurigen Geschichten stehen darunter. Beachten Sie bitte den echten Glamour dieser Vermissten und die bezaubernden Formen der von ihnen hinterlassenen Löcher.
Miranda July (USA) und Emma Hedditch (Großbritannien) sind Video- und Performance-Künstlerinnen und betreiben alternative Verleihnetzwerke für Filmemacherinnen.
Der Kurator