Ebenso bedeutsam wie die Wettbewerbe der Kurzfilmtage sind die großen Sonderprogramme. Der Kurzfilm verzweigt sich heute in eine Vielzahl von genre-unabhängigen Formen, die nicht im Kino zu sehen sind - sei es im Bereich des Avantgarde-, Werbe- oder Wissenschaftsfilms.
Die Kurzfilmtage stellen diese Ausdifferenzierung der kurzen Form durch thematische Kontexte dar und schaffen somit ein Forum für gesellschaftliche Diskussionen, die sich, ausgehend vom Kurzfilm, weit über filmbezogene Fragestellungen hinaus erstrecken und einen übergreifenden Dialog über die Weisen der Bildproduktion in den Künsten, der neuen Technologien und Wissenschaften führen.
2003 hieß das große Sonderprogramm "re<lokal>isierung".
Je größer die Einheiten werden, in denen man denkt, lebt und arbeitet, desto stärker, so scheint es, wird der Wunsch nach Orientierung und Identität, dem Lokalen. Auch der Film behauptet darin seinen jeweils lokalen Ort, geographisch, politisch und ästhetisch. Diese ihm eigene Abgrenzung mag radikal und emanzipatorisch oder traditionell und folkloristisch sein. Je spezifischer aber deren Formen und Referenzen sind, desto stärker stellt sich die Frage, wie sie verstanden werden will und kann.
In einer Zeit, in der die Diskussion über die Globalisierung Konjunktur hat, interessiert sich re<lokal>isierung für die Regionalisierung, d.h. weniger für den Aspekt, wie spezifische soziale, politische oder ästhetische Strategien im Zuge der Globalisierung sich verändern oder nivelliert werden, sondern mehr für die Frage, wie sie sich, im Gegenteil, gegen diese Tendenz abgrenzen, sei es durch eine eigenwillige Formensprache, durch eine neue lokale Orientierung oder durch fundamentalistische Positionen.
Die Regionalisierung vollzieht sich unter anderem im 'Privaten' und in den an der 'Natur' oder am 'Menschen' orientierten Bewegungen: dem Nein zu gentechnisch veränderten, anonymen Konsumgütern, der Konjunktur der Bioware, deren Herkunft sich lückenlos nachweisen lässt, usw. Politisch schlägt sich diese Entwicklung in den Programmen der neuen außerparlamentarischen Linken ebenso nieder wie in der populistischen Demagogie rechter und rechtsextremer Parteien: Dem Kampf der Anti-Globalisierungsaktivisten auf der einen Seite steht hier die Antithese der Xenophobie auf der anderen gegenüber.
Oftmals wollen gerade die besonders stark 'kulturell geerdeten' Werke dem fremden Auge dissident und neuartig erscheinen. Bei näherer Betrachtung stellen sie sich aber häufig als politisch konservativ oder künstlerisch substanzlos dar. Man müßte also nicht nur fragen, ob sich die schöpferischen Momente in künstlerischer und politischer Hinsicht progressiv oder konservativ, radikal oder folkloristisch verhalten, sondern auch, ob das kulturell Singuläre im Auge des Betrachters liegt, wo es entweder als Oase der Authentizität oder als religiöse bzw. ethnische Bedrohung empfunden wird. Wie und wo artikuliert sich die Kunst (oder der Film) außerhalb der (lokalen) Kontexte, wie will Kunst außerhalb dieser Kontexte überhaupt verstanden werden, und wie wird sie 'tatsächlich' verstanden? In dem Maße, in dem Kunst sich mit spezifischen sozialen und politischen oder sogenannten 'kulturellen' Verhältnissen auseinandersetzt, stellt sich immer die Frage nach dem Grad ihrer 'globalen' Lesbarkeit. Das versetzt die Kunst heute in neue Widersprüche.
Denn im 21. Jahrhundert ist die Kunst zum Teil eines weltumspannenden Betriebs geworden, der auf der Suche nach immer neuen und immer entlegeneren Produkten und Namen das spezifische Anliegen der Kunst, ihren eigenen unteilbaren Standort zu behaupten, weniger denn je vertritt. Im Gegenteil, um Kunst heute verkaufen zu können, wird ihr immer öfter der soziale und historische Ursprung genommen. Alles, was auf ihre Herkunft verweist, droht durch die Form der globalisierenden Präsentation zum Verschwinden gebracht zu werden. Gleichzeitig ist eine Gegenbewegung erkennbar, eine Wiederverortung von Kunst - wobei die Ausformungen dieser stark verorteten Kunst nicht selten vom internationalen Kunstbetrieb aufgenommen und global nivelliert werden.
Diese Bewegungen erscheinen nur auf den ersten Blick paradox, denn das Lokale kann man als eine Art 'Erfindung' des Globalen lesen, so wie das Globale sich erst in Abgrenzung zum Lokalen definiert. Das Lokale ist also konstitutiver Bestandteil des Globalen, aber nicht dessen Gegenteil. Insofern ist die Abgrenzung des Lokalen vom Globalen eine Illusion: Das Lokale ist vom Globalen durchsetzt, so wie das Globale als Teil von sich voneinander abgrenzenden Lokalitäten definiert werden kann. re<lokal>isierung versteht sich als Dokumentation dieser Dialektik: eine Versammlung von sich differenzierenden und zugleich artikulierenden Werken aus verschiedenen 'kulturellen' Territorien, die in ihrer Gesamtheit als Programm ein vernetztes Bild der Lokalisierung ergeben. re<lokal>isierung ist die Konstruktion von Relationen, die Bewertung der Differenzen zwischen den lokalen Begebenheiten - also die Herstellung eines neuen 'globalen' Zusammenhangs.
re<lokal>isierung untersucht vor allem die individuellen Strategien der Abgrenzung, die 'lokalen' Referenzen und Zeichensysteme - sei es politisch, sozial, historisch, ästhetisch, geographisch, usw. -, die Auflösung der Grenzen zwischen künstlerischem und politischem Handeln - aber auch der Entwurf von Gegenwelten oder einer neuen Kartographie, die Auseinandersetzung mit der nächsten Umgebung oder mit dem eigenen Körper und der eigenen Geschichte, die ironische Brechung, die Ethnographie des Nächsten, die Expedition zu Orten, die ganz nahe sind und dennoch lange nicht beachtet wurden.
re<lokal>isierung kann bedeuten:
die Nähe zu erkunden oder die Ferne zu spiegeln,
das Vergangene und dessen Orte erneut zu untersuchen,
die Verstrickung in das Lokale zu bezeugen,
die Verwurzelungen des Eigenen aufzuzeigen,
das Ganze in seinen Fragmenten zu betrachten,
die eigenen und fremden Tiefen zu erforschen,
etwas mitzuteilen, das sich nicht mitteilen möchte.
"re" steht außerhalb der <Stadtmauern> der Lokalisierung. Es kann auch als Kürzel für 'regarding', also 'betrifft' gelesen werden oder für einen Prozess der Erneuerung, der Wiederholung. Die agressiv-eckige Paranthese (statt der üblichen runden) steht für Abschottung, grenzt also bildlich das Wort <lokal> ab. Sie verkörpert die Stadtmauer, die den Ort erst zum Ort macht. Nur die Eingrenzung macht sichtbar, wie der Rahmen das Bild. Die Paranthese kann aber auch als Hausmauer gesehen werden oder als imaginäres Ortsschild.
Konzept: Lars-Henrik Gass, Bady Minck, Katrin MundtOrganisation: Katrin MundtKuratorInnen: Bady Minck, Wien/ Luxemburg; Keiko Araki, Tokio; Claudio Caldini, Buenos Aires; Catherine David, Rotterdam/ Paris; Marina Grzinic, Ljubljana; Mark Nash, London/ Cambridge, Mass.; Viola Shafik, Kairo; Pimpaka Towira, Bangkok; Ian White, London.