Die Akzeptanz für Hochkultur in der Bevölkerung ist groß, sagen die Kulturforscher. Eine Akzeptanz, die allerdings nur bei einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung dazu führt, diese Kulturangebote auch aktiv wahrzunehmen. Der Bildungsbürger des 20. Jahrhunderts macht dem Erlebnis- und Medienkonsumenten Platz, der zwar nach wie vor die Bedeutung der Hochkultur zu schützen weiß, persönlich aber lieber die Erlebniskultur pflegt, Open-Air-Events, Museumsnächte, Popkonzerte und das Kino besucht und darüber hinaus seinen Kulturkonsum verstärkt im Privaten vollzieht: Kultur über TV, Internet und DVD und das Musikerlebnis aus der Konserve.
Kulturschaffende, Kultur- und Bildungspolitiker, Fördergeber und Wissenschaftler zerbrechen sich die Köpfe über die richtigen Strategien die Kulturkonsumenten von heute und morgen zu erreichen. Die Diskussion um ein kulturelles Leitmotiv, an dem sich Förderbedingungen, Förderkonzepte und Kulturschaffende orientieren könnten, endet jedoch meist bereits dort, wo der Kulturbegriff definiert werden soll.
Dabei wird der Ruf nach Umverteilung mit schönem Regelmaß laut. Woran sind Kulturschaffende aber überhaupt zu messen? An Besucherzahlen, bildungspolitischem Auftrag, kulturpolitischem Interesse, Kosten- und Nutzeneffizienz oder der Programmqualität?
Bastionen der Hochkultur wie z.B. Opern- und Konzerthäuser klagen laut über die ihnen zugemuteten Kürzungen, doch bleiben sie der höchstsubventionierteste Bereich mit den rückläufigsten Besucherzahlen. Das Interesse der jungen Generation für Moderne Kunst steigt dagegen überproportional, und die Vermutung liegt nahe, dass dies nicht nur an einer gelungenen Bildungspolitik für diesen Bereich liegen kann. Museen und Ausstellungshallen haben frühzeitig ganzheitliches Marketing entdeckt und eigene Nachwuchsarbeit, besucherfreundliche Öffnungszeiten, Kooperationen, Museumsnächte und Ausstellungsportfolien, die eine möglichst breite Zielgruppenansprache und zielgruppenspezifische Vermarktung zulassen, eingeführt. Der einzig richtige Weg oder Anbiederung und Verflachung?
Und der Film? Zwischen Block Buster und Art House Kino, zwischen Wirtschaftsförderung und kulturellem Auftrag, bahnt er sich seinen Weg zum Publikum. Der Kinobesuch ist eine der wichtigsten kulturellen Freizeitaktivitäten und Kulturforscher sprechen vom Trend zum anspruchsvollen visuellen Erlebnis. Doch auch im Kino? Selbst Art-House-Kinos bewegen sich mit ihrem Programm am Rand des üblichen Mainstream, und nur die umsatzstärksten Filme laufen noch länger als drei Wochen. Was aber wenn das Abenteuer nicht mehr gewünscht ist, der anspruchsvolle Filmkonsum sich immer mehr ins Private verlagert und das Kino als sozialer Ort verschwindet? Was ist die Haltung der Kinobetreiber, und welche Rolle könnten Filmfestivals zum Erhalt des Kinos als Ort der Auseinandersetzung und des Experiments spielen?
Die Bedürfnisse des Kulturpublikums, die Konzepte der Kulturschaffenden und die Strategien der Kulturförderung in Deutschland mit einem Blick auf Europa und die Strategien der Nachbarn sind die Themen des Podiums "Kulturklima 2006: Kulturschaffende, Fördergelder und Publikum auf getrennten Wegen?" Kein inhaltlicher Spagat, sondern der Wille, eine möglichst breit gefächerte Diskussion über das aktuelle Kulturklima und den Verteilungskampf anzufachen, Konzepte vorzustellen und der Zukunft des Films besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Teilnehmer:
Adrienne Goehler, ehem. Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin, derzeit Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds Berlin
Dr. Susanne Keuchel, stellv. Direktorin des Zentrums für Kulturforschung, Bonn
Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
Dr. Elisabeth Schweeger, ehem. Künstlerische Leiterin des Marstall, München, und Chefdramaturgin am Bayerischen Staatsschauspiel, Ausstellungskuratorin, seit September 2001 Intendantin des Frankfurter Schauspielhauses
Dr. Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen
Moderation:
Prof. Dr. Hansjürgen Rosenbauer, Autor und Regisseur, ehem. Intendant des Ostdeutschen Rundfunks Berlin Brandenburg, Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln
5. Mai 2006, zwischen 10 und 12.30 Uhr