Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Alexander Sokurow

Er gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Filmemachern der Gegenwart. 1990 erregte er international Aufsehen mit „Sovetskaja elegija“, für den er den Großen Preis der Kurzfilmtage gewann; vielfach preisgekrönt wurde er später für Langfilme wie „Moloch“ (1999) oder „Russian Ark“ (2002). Die Kurzfilmtage bieten nun die seltene Gelegenheit, Sokurovs umfangreiches frühes Kurzfilmschaffen kennenzulernen: dokumentarische Arbeiten, bei denen die Grenzen zu Fiktion und Essay verschwimmen, die das Verhältnis zwischen Individuum und Macht beleuchten, die sich in langen Einstellungen und poetischen Bilderstürmen der neueren Geschichte widmen.

Im Verleih der Kurzfilmtage stehen ab sofort elf DCP-Kopien, die eigens für die Kurzfilmtage 2019 produziert worden sind, für den nicht-gewerblichen Einsatz zur Verfügung. Die Kurzfilmtage verleihen die Kopien ohne Aufführungsrechte und stellen aktuelle Kontaktdaten zu den jeweiligen Rechteinhabern zur Verfügung.


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Ampir (Empire)

1987/2019, Russian with English subtitles, 32’


„Empire“ basiert auf dem berühmten Krimi-Hörspiel „Falsch verbunden“ der amerikanischen Schriftstellerin Lucille Fletcher. Sokurov greift das zentrale Motiv des Thrillers auf, die Krankheit der Frau. Die Protagonistin ist ans Bett gefesselt und ihr einziges Kommunikationsmittel mit der Außenwelt ist ihr Telefon ‒ bis ein Mörder die Verbindung unterbricht.



Duhovnye golosa (Spiritual Voices)

1995/2019, Russian with English subtitles, 327’


Ein Künstlertagebuch über Männer im Krieg: dokumentarische Aufnahmen russischer Soldaten an der tadschikisch-afghanischen Grenze, die zur Meditation über einen labilen Zustand werden. Grenzerfahrung zwischen dem stillgelegten eigenen Leben in der weit entfernten Heimat und dem nahen Tod in der brütenden Hitze der Berge. Landesverteidigung als ewige Aufgabe und Alltag. Warten auf ein glückliches Jahr 1995.



Elegija iz Rossii (Elegy from Russia)

1992/2019, Russian with English subtitles, 68’


Russland zwischen Jahrhundertwende und erstem Weltkrieg. Bilder und Alltagsgeräusche aus unterschiedlichen Zeiten verweben sich zu einem traumähnlichen Gebilde. Vergangenes erscheint so nah wie das, was noch kommen wird. Der Schlaf teilt die Wahrnehmung in Zustände von Reflexion und körperlich erfahrbarer Gegenwart. Lebenszeit und historische Zeit werden zu einer Figur, die Grenze zwischen Schlaf und Tod überschreitet nur der Einzelne.



Primer intonacii (An Example of Intonation)

1991/2019, Russian with English subtitles, 48’


Es ist der zweite Film, den Sokurov mit Boris Jelzin dreht. Inzwischen ist er Russlands erster demokratischer Präsident. Die Unterhaltung zwischen den beiden Männern wirkt vertraut und gleichberechtigt. Sokurov hegt seinen Protagonisten sorgfältig ein. Sein Haus, seine Familie, sein Sessel. „Spüren Sie das Alter?“ Jelzin wird nicht als Vorbild gezeigt, sondern als ein Beispiel für jemanden, der versucht seine eigene Tonlage zu finden.



Prostaja elegija (A Simple Elegy)

1990/2019, no text, 20’


Der Film macht genaue Angaben. Gedreht wurde am 21. Mai 1990 von 13:51 bis 14:06 im Büro des Vorsitzenden des Obersten Sowjets Litauens Vytautas Landsbergis. Die Sowjetrepublik hat vor wenigen Wochen als erste Republik ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt. Ihr neuer Vorsitzender ist ein Mann der Kultur. In zwei Plansequenzen vermisst Sokurov in Echtzeit die ästhetische Veränderung des politischen Raums.



Razžalovannyi (The Degraded)

1980/2019, Russian with English subtitles, 31’


„Unsere Erzählung handelt von einem seltsamen und ungewöhnlichen Menschen, der ein neues Leben beginnt nachdem er von seinem Posten im Staatsdienst degradiert wurde. Auf der einen Seite zerrt ein ganzer Schwanz früherer Probleme an ihm, auf der anderen Seite nimmt er - noch nicht bewußt und deren Folgen nicht begreifend - eine innere Wiedergeburt wahr.“ Sokurov in einem Brief an den Hauptdarsteller Ilya Rivin.



Robert. Sčastlivaja žizn‘ (Robert. A Fortunate Life)

1996/2019, Russian with English subtitles, 26’


Hubert Robert, ein französischer Maler des 18. Jahrhunderts hatte ein freundliches Wesen und alle liebten ihn. Er malte riesige Bilder von Ruinen in Landschaften, und stand im perfekten Einklang mit den Idealen seiner Zeit und den Wünschen seiner Auftraggeber. Der Film entstand im Auftrag der Eremitage in St. Petersburg. Aus deren zahllosen Kunstschätzen wählte Sokurov die Bilder dieses glücklichen Mannes.



Soldatskij son (The Sleep of a Soldier)

1995/2019, no text, 12’


Als eigener kurzer Film konzipiert verdichtet dieser Ausschnitt aus dem dritten Teil von Spiritual Voices das Thema Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod auf ein einzelnes Bild: Soldaten, die schlafen. Ein Soldat liegt auf einer Wiese im verminten Gebiet an der tadschikisch-afghanischen Grenze. Erschöpft vom Dienst schläft er unter freiem Himmel, eingewickelt in einen schweren Mantel.



Sonata dlja Gitlera (Sonata for Hitler)

1977-88/2019, no text, 11’


Hände spielen die Hauptrolle in diesem Found Footage Film. Sie arbeiten und ruhen, gestikulieren, necken, strecken sich fanatisch zum Gruß. Adolf Hitler reibt sich ratlos die seinen. Der Film verweist auf Michail Romms „Der gewöhnliche Faschismus“, gibt dem deutschen Wochenschaumaterial aber eine Wendung ins Seelische. Die Lebensjahre von Hitler und Stalin rahmen die Bilder der zerstörerischen Handreichungen und schaffen eine archivarische Ordnung.



Terpenie trud (Patience Labour)

1985-87/2019, Russian with English subtitles, 10’


Mühe und Fleiss, bricht alles Eis. Der Titel verweist auf ein sinngemäßes russisches Sprichwort. Aber Sokurov läßt das „und” im Titel weg und erzählt in schnell geschnittenen Bildern vom Erdulden der ungeheuren Anstrengung, die professionelle Eisläufer auf dem Weg zur perfekten Form ihren Körpern und ihrem Leben abverlangen. Da kann einem schon mal schwindlig werden. Eine Auftragsarbeit, die zunächst nicht gefiel.



Vostočnaja elegija (Oriental Elegy)

1996/2019, Russian with English subtitles, 45’


Der erste einer Reihe in Japan gedrehter Filme. Hinter Nebelschwaden wird allmählich eine Insel sichtbar, ein Wald, Häuser. Behutsam nimmt die Erzählerstimme Kontakt zu deren geisterhaften BewohnerInnen auf. Diese erscheinen wie eingewoben in die dichte Stofflichkeit des zeitlosen Ortes. Sehnsucht nach Glück, nach Zugehörigkeit. Sokurov hat viele Fragen an die gemäldegleichen Figuren, die sie ihm aufrichtig beantworten.