Die Preisträger der Internationalen Wettbewerbe

67. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, 1. – 10. Mai 2021

 

Die Preisträger der Internationalen Wettbewerbe

 

Preisverleihung: Montag, 10. Mai 2021, 19.30 Uhr, https://spatial.chat/s/kurzfilmtageoberhausen

 

 

Preise des Internationalen Wettbewerbs

 

 

Preise der Internationalen Jury

 

Mitglieder:

Godart Bakkers (Niederlande), Théo Deliyannis (Frankreich), Claudrena N. Harold (USA)

 

 

Großer Preis der Stadt Oberhausen

dotiert mit 7.000 Euro

 

Toumei na watashi

(Transparent, I am.)

Yuri Muraoka

Japan 2020, 11’36’’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

Wir sehen das Meer, Bilder vom Himmel im Gegenlicht, und hören die Erzählerin von einem erfolglosen Selbstmordversuch berichten. Es folgt eine persönliche Geschichte über das Leben, seine Schwierigkeiten und Schönheit. Eine Geschichte, die alle filmischen Register zieht, mit verschiedenen Animationstechniken, Found Footage und Standbildern. So schafft die Filmemacherin eine non-lineare Erzählung, die den Zuschauer*innen Raum gibt für eigene Interpretationen und Fantasien. Sie taucht visuell und erzählerisch tief in ihre eigene Geschichte ein. Es fühlt sich an wie ein Moment der Reflektion, die Erklärung einer bildenden Künstlerin, die sich nach innen wendet. Der Film feiert das Leben und den Film und das Resultat ist überwältigend und – wie das Leben – unglaublich reich.

 

 

Hauptpreis

dotiert mit 3.000 Euro

 

8‘28‘‘

Su Zhong

China 2021, 8’28’’, Farbe

 

Begründung:

Eine einzige lange Einstellung ohne Ende oder Anfang, die uns in einem scheinbar zufälligen Moment erwischt. Sie zeigt uns, in 8 Minuten und 28 Sekunden, die Verbindungen zwischen Gewalt, Maschinen, Technologie und Arbeit. Mit einem immer dicht an Verzweiflung grenzenden Humor mischt der Filmemacher westliche und östliche Mythologien und zeichnet sie als zukünftige Führer einer Welt ohne Menschen, in der es nur industrialisierte, mechanische Bewegung gibt. Einen solchen Film zu machen, aus dem Bauch heraus, direkt auf die Leinwand nach langer und geduldiger digitaler Bearbeitung, ist eine enorme Leistung. Danke, Su Zhong, für die Erinnerung daran, dass wir auch schon vor der Pandemie Filme über eine Welt voller Gewalt und Verzweiflung machen konnten.

 

 

Lobende Erwähnungen

 

More Woman, More Cry

Anne Haugsgjerd

Norwegen 2021, 24’, Farbe/schwarzweiß

 

 

Sensory Overload

Ganza Moise

Ruanda 2020, 6’56’’, Farbe

 

Begründung:

More Woman, More Cry von Anne Haugsgjerd ist ein atemberaubender Film, der die Schönheit und Zerbrechlichkeit des Lebens einfängt. Voll lebendiger Klarheit, enormer Fantasie und hintersinnigem Humor, legt Haugsgjerd humorvoll und poetisch nachdenklich stimmende Reflektionen über Familie, Kunst, Altern und die Fluidität der Zeit vor. Ohne Peinlichkeit, aber voller Zweifel, zeigt der Film eine emanzipierte Filmemacherin, die auf ihr Leben blickt und fragt: Was kommt als nächstes? Am anderen Ende dieses Spektrums steht nach Meinung der Jury Sensory Overload, ein poetischer Film von Ganza Moise, der sich von einem Gedicht von Natacha Muzira leiten lässt. Ein scheinbar federleichter Film mit einem existenziellen Grundton, in dem Zeit, Form und Raum ineinanderfließen auf der Suche nach einem Weg aus der Realität heraus, nicht durch Zerstörung, sondern durch die Poesie des Lebens.

 

 

Preis der Jury des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

dotiert mit 5.000 Euro

 

Mitglieder:

Bernd Brehmer (München), Miriam Gossing (Köln), Lina Sieckmann (Köln)

 

 

A terra de não retorno

(The Earth of no Return)

Patrick Mendes

Portugal 2020, 20’, Farbe

 

Begründung:

In einer unbestimmten Zeit waschen Frauen Kleidung am Fluss, ein steinernes Ohr wird porös. Aus heiterem Himmel fällt ein regloser Körper kopfüber ins Flussbett. Die Schreie der arbeitenden Untoten durchdringen eine rätselhafte Stille. Im Stil des Magischen Realismus positioniert diese Arbeit „Film als Ritual“. Das lodernde Feuer schmiedet neue Augen, die uns die Schönheit eines analogen Mysteriums aus Tränen, Erde, Licht und Schatten sehen lassen. Die beunruhigende Absenz von Dialog schärft unsere Sinne zu höchster Wachsamkeit, um uns dann mit „heavy metal“ aus der irdischen Hölle zu fegen. You are invited to join the order of cinema.

 

 

Lobende Erwähnungen

 

Divided by Law

Katie Davies, Emma Agusita

Vereinigtes Königreich 2021, 26’11’’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

„I miss you“. In analogen Schwarzweiß-Bildern erscheinen Chatverläufe anonymer Liebender, die der britischen Regierung als Zeugnis einer validen Partnerschaft dienen sollen. „Hostile Environment Policy“ nennt sich der Versuch des UK Home Office, den Einwanderungsprozess nach Großbritannien so unerträglich wie nur möglich zu gestalten. Die Auswirkungen dieser drastischen Maßnahmen auf binationale Familien und Partnerschaften lässt uns dieser Film in persönlichen Berichten nachempfinden, die in einer unprätentiösen Montage mit 16mm-Film, Google Street-View und Found Footage kombiniert werden.

 

 

Before the fall there was no fall. Episode 02: surfaces

Anna Dasović

Bosnien und Herzegowina, Niederlande 2020, 20’ 1’’, Farbe

 

Begründung:

Wie sich historische Spuren manifestieren an Orten, die grausame Zeitgeschichte schrieben, wie die allmählich verblassenden Graffiti des Terrors ein Wandgemälde der Zeugenschaft des Genozids evozieren und wie selbst kleine Geschäftemacher vom Krieg profitieren, davon erzählt Anna Dasović in ihrem eindringlichen Film Before the fall there was no fall. Episode 02: surfaces, der zudem souverän Archivmaterial und authentisches Found Footage kombiniert, um die Frage zu stellen: Was bleibt?

 

 

Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI-Preis)

 

Mitglieder der Jury:

Valentina Giraldo (Kolumbien), Fritz de Jong (Niederlande), Elīna Reitere (Lettland)

 

{if your bait can sing the wild one will come} Like Shadows Through Leaves

Lucy Davis

Singapur/Finnland 2021, 27’52’’, Farbe

 

Begründung:

Dieser Film ist eine künstlerische und investigative Erkundung, die uns eine faszinierende Wahrnehmungserfahrung bietet. Er schafft eine filmische Atmosphäre und reflektiert gleichzeitig urbane und ökosoziale Transformationen menschlicher und mehr-als-menschlicher Beziehungen. So eröffnet uns {if your bait can sing the wild one will come} Like Shadows Through Leaves ein Verständnis von Film als ästhetischem Instrument, das hinterfragt, Widerstand leistet und die Beziehungen zwischen Kultur und Klimawandel neu denkt.

 

 

Preis der Ökumenischen Jury

dotiert mit 1.500 Euro

 

Mitglieder:

Linda Dombrovszky (Ungarn), Gundi Doppelhammer (Deutschland), Anna Grebe (Deutschland), Christian Gürtler (Deutschland)

 

 

Zoom sur le cirque

Dominique Margot

Schweiz 2020, 14’26’’, Farbe

 

Begründung:

Ein Clown, der in seinem Wohnzimmer Faxen macht; eine Seiltänzerin, die auf ihrem Balkon im Training bleiben will, ein Zirkusdirektor, der in seinem Wohnwagen friert, weil er sich die Heizkosten nicht mehr leisten kann: Zoom sur le cirque bringt soziale, politische und ästhetische Aspekte der Corona-Pandemie so treffend wie herzzerreißend zusammen: den menschlichen Wunsch, ja, die Notwendigkeit, auch in der Krise zu lachen; die Not von Kulturschaffenden und Künstlern, die davon bedroht sind, ihre Existenzgrundlage zu verlieren; die Improvisationskunst, die Zirkus wie Zoom und Co. gleichermaßen von uns verlangen, und damit die technische und menschliche Möglichkeit, Distanz durch Humor zu verringern.

 

 

Lobende Erwähnung

 

nga’i nang

(Home)

Ngima Gelu Sherpa

Nepal 2020, 20’10’’, Farbe

 

Begründung:

nga’i nang ist ein Film über einen Sohn, der zu seiner Familie nach Nepal zurückkehrt, um sich von seinem sterbenden Vater zu verabschieden. Der Sohn filmt diese letzten Tage, das Sterben und den Tod seines Vaters, die im Alltag dieser armen Bauernfamilie genauso einfach und natürlich erscheinen wie die kleinen Dinge, die gewöhnlich passieren. Obwohl das alles traurig ist, ist dies die Ordnung ihres Lebens. Während der Film sehr bescheiden ist, erzählt er distanziert, aber sehr persönlich und emotional. Ähnlich wie die Mutter, die sich ihren religiösen Ritualen zuwendet, innerlich und in Stille trauert, und ähnlich wie der Sohn, der, nachdem er sein Zuhause und seine einsame Mutter wieder verlassen hat, einsam trauert. Später, allein am Strand des Ozeans auf einem anderen Kontinent, wird er sich erinnern. Obwohl das alles traurig ist, ist dies die Ordnung seines Lebens.

 

 

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Preise des Internationalen Online-Wettbewerbs

 

 

Preise der Internationalen Online-Jury

 

Mitglieder:

Paola Buontempo (Argentinien), Daniel Kasman (USA), Carly Whitefield (Vereinigtes Königreich)

 

 

Großer Online-Preis der Stadt Oberhausen

dotiert mit 5.000 Euro

 

 

Kalsubai

Yudhajit Basu

Indien 2020, 19’54’’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

Für den Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, den der Film durch seine lyrische Ethnografie herstellt, und für das Ausloten, aus sanfter Distanz, einer außergewöhnlichen Mythologie, die Frauen zu nicht-traditionellen Lebensweisen ermächtigt.

 

 

Online-Hauptpreis

dotiert mit 2.000 Euro

 

 

Trampa de luz

(Light Trap)

Pablo Marín

Argentinien 2021, 8’30’’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

Wie eine frische Brise lässt uns dieser Film die Natur wiederentdecken; und er zeigt uns sein Licht und seine Wunder durch die photochemische Materialität von Zelluloid und treibt damit die Erkundung der Möglichkeiten des Analogen voran.

 

 

e-flux-Preis

dotiert mit 3.000 Euro

Für eine herausragende Film- oder Videoarbeit, die eine neue Form für das poetische und elektrische Potenzial des bewegten Bildes im Zeitalter globaler Informationsflüsse findet.

 

 

Un très long temps d’exposition

Chloé Galibert-Laîné

Frankreich 2020, 7’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

Eine intelligente und poetische Untersuchung von Zeit, Aufnahmetechnologien und dem Auslöschen von Arbeiter- und indigenen Identitäten aus ebenso persönlicher wie kritischer Perspektive, findet dieser Film kompakte und unaufwändige Wege, diese ausdrucksstarken Themen zu verbinden.

 

 

Online-Preis der Jury des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

dotiert mit 3.000 Euro

 

Mitglieder:

Ruth Schiffer (Düsseldorf), Bernd Schoch (Hamburg), Ulrike Sprenger (Konstanz)

 

Un très long temps d’exposition

Chloé Galibert-Laîné

Frankreich 2020, 7’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

Konsequenterweise verzichtet der von uns ausgezeichnet Film auf eine Tonebene, handelt es sich doch um eine Beschäftigung mit Sichtbarkeitsverhältnissen. Un très long temps d´exposition entdeckt, schichtet und verbindet Bilder und Narrative der Welt- und Privatgeschichte. Mit ihrer zugleich analytischen wie persönlichen Komposition von Bildmotivketten macht Chloé Galibert-Laîné die politisch-ideologische Dimension bildgebender technologischer Verfahren sichtbar und hinterfragt mediale Sichtbarkeit als ultimative Legitimation und letztgültigen Existenzbeweis.

 

 

Lobende Erwähnung

 

The___________World

Peixuan Ouyang

USA 2020, 17’56’’, Farbe

 

Begründung:

Die grenzenlose Verfügbarkeit der Welt, just a click away – und dennoch sind es die schäbigen Pappmaché-Modelle berühmter Monumente in einem kleinen Vergnügungspark, die ganz eigene Vorstellungen von Freiheit und Zukunft entzünden. Unsere lobende Erwähnung geht an einen Film, der uns den vergänglichen Stoff zeigt, aus dem Träume sind, und jene Fremdheiten, die auch von globaler digitaler Kommunikation nicht aufgehoben werden können.

 

 

Online-Preis der Ökumenischen Jury

 

Mitglieder:

Blandine Brunel (Frankreich), Silvan Maximilian Hohl (Schweiz), Michele Lipori (Italien), Phil Rieger (Deutschland)

 

 

Minnen

(Memories)

Kristin Johannessen

Schweden 2020, 13’32’’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

Wie erinnern wir uns daran, wie wir einmal waren? Minnen ist eine authentische Dokumentation, in welcher wir gemeinsam mit der Filmemacherin, auf ihre von Kontrollzwängen geprägte Vergangenheit zurückschauen. Animierte Sequenzen zeichnen ihre Gedanken der vergangenen Zeit einfühlsam nach. Mit originalem Bildmaterial aus ihrer Jugend und einem aktuellen Interview ihrer Eltern zeigt uns Kristin Johannessen durch diese wiederbelebten Erinnerungen die Herausforderung des Anders-Seins und wie es ist, ein Kind groß zu ziehen, das du nie ganz verstehen kannst, aber dennoch niemals aufgeben willst. Minnen ist das Festhalten an der Hoffnung, dass alles anders werden kann, selbst bei schwersten psychischen Leiden.

 

 

Lobende Erwähnungen

 

Kalsubai

Yudhajit Basu

Indien 2020, 19’54’’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

Kalsubai erforscht die Geschichte der Göttin Kalsu und ihre Bedeutung für die Frauen von Bari. Der Film setzt dabei auf starke visuelle und akustische Bilder, die weder erklären noch szenisch verfälschen. Die schon fast fotografisch anmutenden Bildkompositionen und ihre ausdrucksstarke Einfachheit machen den Film allen Menschen zugänglich und laden ein, über eigene kulturelle Prägungen nachzudenken und sie zu hinterfragen.

 

 

Cântec de leagăn

(Cradle)

Paul Mureșan

Rumänien 2020, 4’, Farbe/schwarzweiß

 

Begründung:

Leider verstecken viele Familien auch heute noch dunkle Geheimnisse. Der animierte Kurzfilm Cântec de leagăn untersucht die innersten Tiefen einer Familie, die von häuslicher Gewalt und Alkoholismus gebeutelt ist. In diesem Klima des Terrors sehen wir eine Mutter, die sich um ihr Neugeborenes kümmert und versucht, ihn und seinen großen Bruder zu schützen. Die Animationstechnik stellt die unterschiedlichen Geisteszustände der Charaktere perfekt dar und macht uns auf die Schwierigkeiten aufmerksam, mit denen jede Familie zu kämpfen haben könnte. Besonders beeindruckend ist die Art und Weise, wie das Lied „Cântec de leagăn“ – ein traditionelles rumänisches Schlaflied von Maria Tanase – mit den Animationen verwoben wird.

 

Die Liste aller Preisträger der 67. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen können Sie hier als PDF herunterladen.

 

Oberhausen, 10. Mai 2021

 

Pressekontakt: Sabine Niewalda, niewalda(at)kurzfilmtage.de, Tel. +49 (0)208 825-3073