Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Ein Festival der existentiellen Tests und Fragestellungen war Oberhausen in diesem Jahr. Ein Festival auch der Zuschauerreflexionen. Als müsste in einer Zeit, da gerade im Kurzfilmbereich unglaublich viel produziert wird (über 6500 Filme waren für Oberhausen eingereicht) das Betrachten neu gelernt werden. Kuratoren werden da immer wichtiger - in den besten Fällen wie bei AA Bronson und Ian White, der für das gesamte "Kinomuseum"-Programm verantwortlich zeichnete, sind sie weniger hochqualifizierte DJs, sondern so etwas wie intellektuelle Kinoerzähler. Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung, 11. Mai 2007

 

... erwiesen sich die Kurzfilmtage Oberhausen auch in ihrer 53. Ausgabe als ein einmaliges Ereignis der Filmszene. Damit lockt es Gäste aus aller Welt an und befindet sich mit seiner Filmauswahl und Themensetzung dicht am Puls der Zeit. Das gilt für die neuesten Kurzfilm-Trends nicht weniger als auch für aktuelle Krisenphänomene. Rüdiger Suchsland, Kölner Stadtanzeiger, 10. Mai 2007

 

Oberhausen ist einer der wichtigsten Orte [für den Kurzfilm]. Vor allem deshalb, weil sich Genre und Macher hier, während der Internationalen Kurzfilmtage, nicht nur selbst feiern, sondern man sich mit Nebenreihen und Diskussionen stets darum bemüht, den Blick über den Horizont der vertrauten Gewissheiten hinaus zu werfen. Dort, außerhalb des üblichen Kino-Rahmens, lassen sich erstaunliche Entdeckungen machen. Barbara Schweizerhof, epd Film Nr. 7/2007

 

Das Kinomuseum, wie es den Kurzfilmtagen vorschwebt, bringt dagegen das beste aus beiden Welten mit: vom Kino die breite Öffentlichkeit und freie Zirkulation der Waren, vom Museum die Re-Auratisierung des Films. Für letzteres bürgt die klassische Vorführung im Kinosaal, die mit ihrer gewachsenen Dramaturgie aus architektonischem Vorspiel, allmählicher Verdunkelung und bürgerlicher Vorhangweihe jeder musealen Inszenierung himmelweit überlegen ist. Michael Kohler, film-dienst 12/2007, 7. Juni 2007

 

Der deutsche Wettbewerb als zweitwichtigste Sektion wartete zur besten Programmzeit in vier "abendfülenden" Blöcken mit einem sehr breiten Spektrum zwischen Dokumentation, Fiktion, Experimentalfilm und Animation (digital wie analog) auf. Auffällig, dass sich dabei zunehmend die Grenzen verwischen: dies sowohl in Hinsicht auf Genre- und technische Zuordnungen als auf die Definition dessen, was nun eigentlich ein Kurzfilm deutscher Provenienz sein soll. [...] Gerade aus diesen kulturellen Phasenverschiebungen ergeben sich reizvolle Spannungsräume. Claus Loeser, film-dienst 12/2007, 7. Juni 2007

 

Schon seit ihren Gründungstagen gelten die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen als besonders politisches Festival. Und mit dem Oberhausener Manifest verabschiedeten die Gründungsväter des Jungen Deutschen Films 1962 das wichtigste Gruppendokument des deutschen Films. An diese Tradition knüpft gern auch Festivalchef Lars Henrik Gass an. Sorgte er im Vorjahr mit provokanten Thesen zum Zustand der deutschen Filmförderung für Aufsehen, so stellte er diesmal in seiner Eröffnungsrede mit Blick auf die zunehmende Vereinzelung der Filmrezeption durch Internet, DVD und VoD und die Abwanderung des künstlerischen Kurzfilms in Museen und Galerien die Behauptung auf, ""die kollektive Erfahrung von Kino dürfte bald der Vergangenheit angehören oder zumindest eine untergeordnete Rolle spielen". Reinhard Kleber, Filmecho / Filmwoche Nr. 20, 18. Mai 2007

 

Dass das Kino mit seinen kommerziellen Auswertungsinteressen der Kunst keine Heimat bietet, ist bekannt. Filmemacher wie Alexander Kluge und Peter Schamoni forderten im Oberhausener Manifest von 1962, der Kurzfilm müsse "natürliches Experimentierfeld" bleiben. Neu im Überlebenskampf der kleinen Spezies ist die Blickrichtung gen Museum und die Forderung, es möge sich dem Kurzfilm öffnen. Verena Friederike Hasel, Der Tagesspiegel, 9. Mai 2007

 

Der gute alte Kurzfilm, in Erinnerung als Vorfilm in einem Kinoprogramm, liegt im Sterben. Der neue Kurzfilm, immer öfter am Computer kreiert, ist allgegenwärtig: als Musikvideo, als Kurzdoku, als Feature, als Kunstobjekt. Wie muss das Kino sich ändern, um ihn zu präsentieren, damit er nicht in eine Spartenhaftigkeit gerät, die das Zappen gewissermaßen verinnerlicht hat? Oberhausen versucht, diesem Trend entgegenzuarbeiten, mit immer neuen Retros und Podiumsdiskussionen um die Filme herum. Der Kurzfilm wird hier verstanden als wichtiger Teil der Filmkultur, Teil eines cineastischen öffentlichen Raumes. Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung, 11. Mai 2007

 

In Zeiten, da sich das Kino dem Kommerz und Starrummel hingibt, fühlen sie [die Filmemacher] sich im Museum besser aufgehoben. Die Kurzfilmtage haben es mit dem "Kinomuseum" temporär, doch eindrucksvoll eingerichtet und so auch im dreiundfünfzigsten Jahr ihre unangepasste Aktualität bewiesen. Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Mai 2007

 

"Ich bin das Museum, Sie sind das Museum", eröffnete er [Ian White] jedes einzelne Programm der in vier Tagen zu einer Art Kultveranstaltung avancierten Reihe, von der Festivalchef Lars Henrik Gass zum Abschluss anerkennend sagt, man wisse immer noch nicht, worum es dabei eigentlich gehe. Das ist für sich genommen nichts neues für die Oberhausener Rahmenprogramme, die dort seit längerem die Wettbewerbe überragen. Die Neuerung bestand darin, dass hier nicht mehr einem aktuellen Wissenschaftsdiskurs zugearbeitet wurde, sondern das Publikum in eine offene und höchst anregende Assoziationskette eingeweiht wurde. Ausgehend von der schönen Beobachtung, dass Filme oft wie Museen funktionieren, aber auch in diesen gern Verwendung finden, feierte die Reihe vor allem das Kuratieren. Nur mit kurzen Filmen lässt sich das Glück, durch Exponate sinnfällige Zusammenhänge zu erleben, überhaupt ins Kino übertragen. Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau, 11. Mai 2007

 

Verantwortet vom Londoner Filmkurator Ian White drehte sich [in "Kinomuseum] in zehn Programmen und einer Podiumsdiskussion alles um "white cube" und "black box": Film kann Kunst sein, aber die Räume, in denen Filmkunst präsentiert wird, gehorchen unterschiedlichen, mitunter konträren Gesetzen. So wird von Galeriebesuchern nicht erwartet, sich ein dreißigminütiges Künstlervideo von Anfang bis zum Ende anzusehen, während im Kino schon die Bestuhlung dafür sorgt, dass man auch dann sitzen bleibt, wenn auf der Leinwand gräulich verschmutzte Totenschädel gebürstet werden, wie in Marina Abramovic' "Cleaning the Mirror". Dietmar Kammerer, taz - die tageszeitung, 10. Mai 2007

 

Vor allem im Internationalen Wettbewerb, in dem 64 Beiträge aus 37 Ländern liefen, zeichnete sich deutlich der Trend zu visuell und dramaturgisch außergewöhnlichen Dokumentarfilmen ab, die auf feinsinnige und manchmal überraschende Weise das Besondere im Alltäglichen sichtbar machen. Gabrielle Schultz, Die Welt, 10. Mai 2007

 

Überhaupt, die Großmutter. Zur mythischen Gestalt avanciert, ist sie Bollwerk gegen Lebensunbill. In Meghana Bisineers anrührend-charmanter Animation "A Journey across Grandmother" wandert ein kleines Mädchen auf dem massigen Omakörper umher wie in einer prächtigen Landschaft; der japanische Beitrag "Halu" ist eine Hommage an die Großmutter, die sich als Analphabetin eine eigene Schrift erfand. Verena Friederike Hasel, Der Tagesspiegel, 9. Mai 2007

 

Ende gut, fast alles gut. Selten wohl in den letzten Jahrzehnten konnte man so beinahe einhellig mit den Preisentscheidungen bei den Kurzfilmtagen einverstanden sein. Die Voten der Internationalen Juroren huldigten dem klassischen Dokumentarfilm ebenso wie dem kühnen Experiment und dem Trend zu innig erzählten Geschichten aus der eigenen Familie.

Damit spiegelt diese Jury, und nicht nur sie, die enorme Vielfalt wieder, die das 53. Festival geboten hat. Und zwar auf einem Niveau, das in Oberhausen auf dieser Höhe lange nicht erinnerlich ist. Von wegen tot: die kurze Filmform lebt intensiver denn je, sie lebt nur bunter und gewiss auch zunehmend auf einer anderen medialen Basis. Lange wohl werden die Jurys nicht mehr die Chance haben, 35-mm-Filme zu dekorieren. Schade, gewiss, aber eine kaum aufzuhaltende Entwicklung. Michael Schmitz, WAZ Oberhausen, 9. Mai 2007

 

Die beiden Musikvideo-Programme, die in Oberhausen gezeigt wurden, unterteilt in die Sektionen "national" und "international" aber waren der beste Beleg dafür, dass die Dekadenz-Phase eines Kulturphänomens oft interessanter ist als seine Blütezeit. Während auch hier im Humus des Vergangenen eine Fälle neuer kleiner, unabhängiger Produzenten und Labels hervortreiben, sind die wenigen Hochglanz-Produktionen, die noch teuer hergestellt werden, mit gebotener Melancholie zu betrachten. Barbara Schweizerhof, Freitag, 11. Mai 2007

 

Kunst, Kultur ist kein "Extra", sie ist ein existenzieller Bestandteil des Lebens: Menschen, Kinder, die Kultur nicht erleben, leiden Mangel. Und überhaupt: Unterrichtsausfall? Schon mal ein Programm mit Kinder- oder Jugendfilmen gesehen? In anderthalb Stunden gibt's nicht nur Einblick in die verschiedenen Genres der Gattung Film, sondern auch eine Reise um die Welt. Von England über Südkorea nach Neuseeland, Brasilien, in die USA und dann nach Australien; es geht um Träume, um Identität, Fremdheit und Akzeptanz, um Leidenschaft und Hoffnung, um Religion, Tod und die Liebe... Unterrichtsausfall? Jeder Film ist ein Mikrokosmos, die 90 Minuten Programm ein kleines Universum. Monika Idems, NRZ Oberhausen, 5. Mai 2007