Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Thema
2008

Wessen Geschichte?

 

Wie konstruieren wir Geschichte? Was ist ein historischer Moment? Kann Film (oder Video) Geschichte sein? In vier Programmen mit 18 Arbeiten und einer Performance wirft das von Ian White kuratierte Thema "Wessen Geschichte?" Fragen nach den Mechanismen und Machtstrukturen der Geschichtsproduktion auf.

 

Geschichte braucht Autorität. Sie wird geschrieben und doch als unwiderlegbare Tatsache wahrgenommen. Darin liegt ihre Macht begründet und gleichzeitig die Notwendigkeit, sie zu hinterfragen. Das Programm "Wessen Geschichte?", kuratiert von dem Briten Ian White, zeigt Arbeiten vor allem aus den 1960er und 1970er Jahren zusammen mit Werken junger KünstlerInnen, die fragen, wie unser Bild der Vergangenheit entsteht, wie wir es am Leben erhalten, aber auch, wer die Macht hat über die Geschichtsschreibung.

 

Anstoß war für Ian White das Essay "Whose History?", dass die britische Künstlerin Lis Rhodes 1979 für den Katalog der Londoner Ausstellung "Film As Film" aus dem gleichen Jahr schrieb. Darin stellte sie die Darstellung von Frauen in dieser Ausstellung in Frage, ihren formalistischen Schwerpunkt und die dem zugrunde liegende (ideologische) Struktur und fragte zum ersten Mal "Wessen Geschichte?". Zu dem Oberhausener Programm gehört daher als integraler Bestandteil auch ein Programm mit Arbeiten von Lis Rhodes. Ebenfalls Teil des Themas ist eine Podiumsdiskussion am 5. Mai.

 

Der Kurator
Ian White ist Filmkurator für die Whitechapel Art Gallery in London, freier Kurator, Autor und Künstler.

Gäste in Oberhausen

Ann Demeester, Kenneth Goldsmith, Malcolm Le Grice, Lis Rhodes, Emily Roysdon, Mike Sperlinger, Emily Wardill.


Oberhausen untersucht in einem großen thematischen Programm den politischen Film nach 9/11

 

Keine Frage wurde hier so kontrovers diskutiert wie die des politischen Films: der Ost-West-Konflikt, das politische Engagement, die deutsche Filmförderung - in Oberhausen liefen die passenden Filme und fanden die Skandale statt. Heute erleben politische Filme angesichts von Ausnahmezuständen, Irakkrieg, zunehmender Globalisierung sowie neuer alter Klassenkonflikte eine Renaissance. Doch während die aktuellen Langfilme Politik oft über den Inhalt definieren und formal zumeist bei klassischen narrativen und dokumentarischen Mustern bleiben, agierten und agieren Künstler und Kurzfilmemacher schon längst viel freier in Form und Inhalt - schneller, härter, experimenteller und kontroverser.

 

Mit "Grenzgänger und Unruhestifter", kuratiert von Sherry Millner und Ernest Larsen (USA) und Madeleine Bernstorff (Deutschland), fragen die Kurzfilmtage nun in zehn Filmprogrammen, einer Performance und einer Diskussion, ob und wie sich der politische (kurze) Film im Lauf der Geschichte verändert hat: Gibt es eine neue Generation politischer Filmemacher? Wie sehen ihre Filme aus? Unterscheiden sich die ästhetischen Strategien des filmischen Widerstands? "Die Welt hat sich seit 9/11 verändert: Die USA sind die einzig verbliebene Supermacht, Besatzungsmacht im Irak, Afghanistan, in Guantanamo, täglich wird uns die Globalisierung um die Ohren geschlagen - unsere Frage war, ob und wie Filmemacher auf diese Situation heute reagieren, und so sind auch knapp die Hälfte der Filme im Programm Produktionen aus den letzten Jahren. Wir wollen Filme zeigen, die sich jeder schnellen Klassifizierung widersetzen, die Grenzen übertreten, konventionelle Vorstellungen von Fakt und Fiktion, dokumentarisch oder experimentell durcheinander bringen - ein Programm, das an unserer seit 9/11 festgefahrenen Weltsicht rüttelt", so Kurator Ernest Larsen.

 

"Grenzgänger und Unruhestifter" umfasst mehr als 60 Filme, die zusammen über 100 Jahre Filmgeschichte abdecken, vom Pathé -Beitrag La Gréve des bonnes von 1906 bis zu DeeDee Hallecks und Deep Dishs Performance-Dokument Church of Stop Shopping Confronts Gentrification von 2008. Das Programm ist thematisch strukturiert, unter anderem mit Kapiteln zu Müll, Kapitalverbrechen, Performance als politischer Intervention, kollektivem Widerstand, zu den mexikanischen Super-Ocheros - einer Bewegung, die auf die gewalttätige Unterdrückung des politischen Widerstands und die Zensur in Mexiko nach 1968 reagierte - und natürlich einem Kapitel zu Filmen, die in Oberhausen liefen - oder auch nicht liefen. Zu den Gästen, die in Oberhausen für dieses Programm persönlich anwesend sind, gehören Alonzo Crawford, Galit Eilat, Kevin Everson, Birgit Hein, Álvaro Vázquez Mantecón, Martha Rosler, Rasha Salti, Hito Steyerl, Pawel Wojtasik, Zelimir Zilnik, Vertreter des Chiapas Media Project und von Meine Akademie.

 

Mit Filmen sind vertreten: Chris Marker, Zelimir Zilnik oder Gunvor Nelson, Filme von Künstlern wie Joseph Beuys und Birgit Hein, Arbeiten von Buñuels Kameramann Elie Lotar, von Pere Portabella, Heynowski und Scheumann, Pedro Costa, Millner/Larsen, Vlado Kristl, Straub/Huillet, Joyce Wieland, Carole Roussopoulos und Delphine Seyrig, Allan Sekula, Rabih Mroué u.v.m.

 

 

Die Programme

 

'Dirty' Movies (2. Mai 12.30 h)

Sieben Filme, die Schmutz als Metapher für politische und ästhetische Realitäten benutzen, in denen Müll sowohl im wörtlichen Sinne verdrängt wie auch als "Menschenmüll" ausgegrenzt und weggeworfen wird. Die Ansätze reichen von Pawel Wojtasik, der in Dark Sun Squeeze (2003) einen Hochglanzblick ins Innere eines Klärwerks wirft, über Elie Lotars Aubervilliers (1945), dem Portrait des Vororts, in dem Paris nach dem zweiten Weltkrieg seine Giftmülldeponie ansiedelte, bis hin zu Ausfegen (1972), Joseph Beuys Kommentar zur Haltung der Linken gegenüber den (Gast-) Arbeitern.

 

Learning Processes With a Possibly Deadly Outcome (2. Mai 17 h)

Ein bei Alexander Kluge - Lernprozesse mit tödlichem Ausgang - entliehener Titel für ein Programm, in dem politische Prozesse untersucht werden. Es geht um den Prozess der politischen Bewusstwerdung wie um den Prozess, der zum aktiven Widerstand führt. Unter anderem mit En rachachant von Daniéle Huillet und Jean-Marie Straub, mit Zelimir Zilniks legendärem Crni Film (Schwarzer Film) von 1971, in dem der Filmemacher zehn Obdachlose zu sich nach Hause einlädt, bis hin zu einer Aktion des politischen Performancekünstlers Reverend Billy und seinem Chor, die in Church of Stop Shopping Confronts Gentrification von DeeDee Halleck und Deep Dish (2008) einem italienischen Schuhmacher in New York gegen dessen raffgierigen Vermieter zu Hilfe kommen.

 

Capital Crimes (3. Mai, 14.30 h)

Muss Verbrechen neu definiert werden? Ist der demokratische Staat in seiner innersten Struktur möglicherweise auf Polizeiarbeit gegründet? Die Überwachung innerstädtischer Räume, die Verwischung zwischen Militär und Polizei in Kriegen wie im Inneren, Privatarmeen als Profitquellen, all das legt den Gedanken nahe. Ein Programm, das fragt, ob Verbrechen neu definiert werden muss. Unter anderem mit Jill Godmilows Remake von Harun Farockis "Nicht löschbares Feuer", What Farocki Taught von 1997, Martha Roslers Prototype (2005) und Sherry Millners Shoplifting: It's a Crime? von 1979, in dem das Thema Ladendiebstahl auf den Kopf gestellt und vom Prinzip 'Eigentum ist Diebstahl' aus betrachtet wird.

 

Collective Resistance (3. Mai 20 h)

Was macht die kollektive Vision aus? Macht es möglicherweise keinen Unterschied, ob ein Film über einen kollektiven Kampf von einem Einzelnen oder einem Kollektiv gedreht wird? Wie stehen Darstellung (in der Kunst) und Selbstdarstellung (in der Politik) miteinander in Beziehung? Das Programm zeigt Filme von und über Gruppen, von Pere Portabellas El sopar (1974) über eine Gruppe von politischen Gefangenen zur Francozeit über Chris Markers 2084 aus dem Jahr 1984, in dem Marker Roboter über den Arbeiterkampf diskutieren lässt, bis zu The Land Belongs to Those Who Work It des Chiapas Media Project (2005) aus Mexiko über den Konflikt zwischen Zapatistas, die ungenutztes Land bearbeiten, und Beamten, die das gleiche Land für den Tourismus beanspruchen.

 

Mnemonic Devices (4. Mai 12.30 h)

Zeichen, Ikonen und Artefakte - Ausstellungsstücke, ein Buch, eine Videokassette, alte Fotos - sind die Schlüssel zur Erforschung des Abgrunds zwischen dem, war wir über den Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart zu wissen glauben und dem, was wir darüber wissen sollten. Sieben Filme, die auf ganz verschiedene Arten mit Bildern aus der Vergangenheit umgehen. Mit Carole Roussopoulos und Delphine Seyrigs S.C.U.M. Manifesto von 1976 wurde Valerie Solanas berüchtigtes Manifest erstmals in Frankreich bekannt. Kevin Everson greift in Emergency Needs (2007) auf Archivmaterial zurück, um das Dilemma des ersten schwarzen Bürgermeisters einer US-Großstadt 1964 inmitten der Bürgerrechtsbewegung zu zeigen, während Rabih Mroué in Face A Face B (2003) mit Hilfe einfachster Mittel - Videos und alte Fotos - die Geschichte seiner Kindheit während des Bürgerkriegs im Libanon erzählt.

 

A bas les patrons! (4. Mai 22.30 h)

Den politischen Moment einfangen, den Augenblick, wo die Menschen auf die Straße gehen, eine kollektive Geste machen, ihre Körper in Bewegung setzen ist durch die Geschichte hindurch anscheinend der Wunsch vieler Filmemacher gewesen. In diesem Programm geht es um Proteststrategien und wie sie inszeniert werden, um die Erfahrung der Masse - und um das Schauspiel der siegreichen oder scheiternden Menge. Mit La Gréve des bonnes, einem Pathé-Einakter von 1906, läuft hier der älteste Film des gesamten Programms. Julian Göther, Künstler aus Berlin hat ein italienisches Disco-Stück aus
den achtziger Jahren als Musikbegleitung des Stummfilms ausgesucht. Zu den interessantesten Dokumenten gehört Ella Bergmann-Michels Die letzte Wahl von 1932, ungeschnittenes Material, das die Filmemacherin während der letzten freien Wahlen 1932 auf den Straßen Frankfurts drehte, bevor sie verhaftet wurde. Mit dabei ist auch Vlado Kristls Arme Leute (1963), der Blick des Filmemachers auf die 'unerledigte Rückseite der Städte'.

 

 

La era de la discrepancia (5. Mai 12.30 h)

Gastkurator: Álvaro Vázquez Mantecón

Die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko waren die ersten Spiele in einem Dritte-Welt-Land, und das zu einer Zeit, als die Studentenbewegung auch dort in den Straßen der Hauptstadt gegen die Regierung protestierte. Am 2. Oktober 1968 schoss das Militär mitten in eine Studentendemonstration auf dem Tlatelolco-Platz - der Beginn einer Ära (kultureller) Unterdrückung. Eine wichtige Rolle im Widerstand gegen Zensur und Repression spielten die Super-Ocheros, die Super-8-Bewegung, von denen hier eine Auswahl von Filmen aus den Jahren 1971 bis 1991 zu sehen ist, von Felipe Ehrenberg und François Reichenbachs La Poubelle (1971) und la Segunda Primera Matriz von Alfredo Gurrola bis zu Rubén Ortiz Torres' Video How to Read a Macho Mouse von 1991.

 

Contested Ground (5. Mai 14.30 h)

Ein Programm über Kolonialisierung, ihre Metaphern und ihre Nachkommen Neokolonialismus und Neoliberalismus, und über den Widerstand dagegen. Jeder Film in diesem Programm nimmt auf diesem höchst umstrittenen Territorium eine persönliche Haltung ein, findet seine eigenen Metaphern. René Vautiers Le Glas von 1964 über drei afrikanische Revolutionäre, die in Salisbury gehängt wurden, gedreht für die Zimbabwe African Party for Unity, war in Frankreich verboten. Chen Chieh-Jen wählt in The Route von 2006 die Form des Re-Enactment, um einen Protest zu inszenieren, der von der Regierung in Taiwan verboten wurde, Allan Sekula zeigt einen Ausschnitt aus seiner Lottery of the Sea (2005) über den Effekt der Globalisierung auf Meereslebewesen.

 

Excessive Behaviour: Performance as Political Intervention (6. Mai, 12.30 h)

Demonstrationen, Proteste, Paraden, Streiks, politische Aktionen, sie alle haben eines gemeinsam: eine große Affinität zum Theater, zur Performance. Die Filme in diesem Programm zeigen ein taktisches Repertoire an Verdrehungen, Maskierungen, exzessivem Benehmen, erotischen übertritten und politischer Lust, mit dem Aktivisten ebenso wie Durchschnittsmenschen einen Moment lang unerwartet Macht erlangen können. Mit Birgit Heins legendärem Filmporträt über Jack Smith (1974) in Köln, Karpo Godinas On the Art of Loving, in dem Godina einen beträchtlichen Teil der jugoslawischen Armee dazu bringt, einen Anti-Kriegs-Choral anzustimmen, mit Isaac Juliens Betrachtung des Notting Hill Carnivals in Territories (1984) und Gunvor Nelsons und Dorothy Wileys Daily-dirt-Klassiker Schmeerguntz von 1966.

 

Banging Doors (6. Mai 17 h)

Durch die Geschichte der Kurzfilmtage ziehen sich zahlreiche Linien der Auseinandersetzung, von den Konflikten zwischen osteuropäischen Delegationen und Dissidenten über die Kontroverse Dokumentarfilmer gegen experimentelle Filmemacher, ganz zu schweigen von der Grundfrage, was einen politischen Film überhaupt ausmacht - Gesinnungsfilme standen gegen Sensibilismus, die Türen knallten. Dieses Programm zeigt Arbeiten, die in Oberhausen liefen, genauso wie Arbeiten, die nicht gezeigt wurden und vielleicht gerade deshalb ein klares Licht auf die politische Geschichte der Kurzfilmtage werfen. Geldsorgen (1974) von Walter Heynowski und Dieter Scheumann, den bekanntesten Dokumentarfilmern der DDR, war Preisträger in Oberhausen, im Gegensatz zu Wolfgang Höpfners Zwei Protokolle (1978), ein Film, der hauptsächlich für die politische Arbeit linker Gruppen genutzt wurde und in dem Karl-Heinz Roth von seiner Isolationshaft zu RAF-Zeiten erzählt. Zu Cristina Perincioli's Streikfilm Für Frauen 1. Kapitel (1971) schrieb Harun Farocki in der Filmkritik: "Zu sehen ist der Spaß, den befreiende Erkenntnis macht" und Cristina Perincioli richtete auf dem Festival einen Treffpunkt für Filmemacherinnen ein.

 

PODIUM: Diskussion "Grenzgänger und Unruhestifter" (4. Mai, 10-12 h)

Das Filmprogramm wird ergänzt durch eine Podiumsdiskussion unter dem gleichen Titel mit den Gästen Galit Eilat, Autorin und Kuratorin (Holon); Martha Rosler, Künstlerin (New York); Rasha Salti, Autorin und Kuratorin (Beirut); Hito Steyerl, Künstlerin und Autorin (Berlin); Zelimir Zilnik, Filmemacher (Novi Sad). Moderiert wird die Diskussion von Kuratorin Sherry Millner.

 

PERFORMANCE: A Fairy Tale of the Instant Archive (4. Mai, 20 h)

Was wird sichtbar durch das Begehren, lokale Ereignisse aufzuzeichnen und möglichst zeitnah für ein weltweit zerstreutes unbestimmtes Publikum verfügbar zu machen und zu speichern? Was scheint auf durch die Möglichkeit, alte und neue Videos, Dokumente und Filmpartikel von Künstlern, Aktivisten oder Amateuren neu zu arrangieren und in Umlauf zu bringen? Auf schwer vorhersehbare Weise und in oft ungenügend guter Qualität mögen neue Aktualitäten entstehen. Ein experimentelles Set Up mit online Fundstücken auf großer Leinwand.

Annett Busch ist Filmkritikerin und lebt in München. Was de-coding, en-coding und v2v bedeutet, lernte sie bei der kein.org academy. Dieser Tage erscheint ein von ihr editierter Band zu "Ousmane Sembéne: Interviews (1965-2005)". Vor vier Jahren co-gründete sie missingimage.com, aber hat just die Idee und den Alltag einer "Videothek" begraben. Und doch bleibt die große Herausforderung eine Form dafür zu finden, was Serge Daney einst bemerkte: "the love of cinema also means knowing what to do with images that are really missing."

 

Die Kuratoren:

Sherry Millner und Ernest Larsen sind anarchistische Künstler, die Mitte der 70er Jahre miteinander zu arbeiten begannen und Dokumentarfilme, Videos und Multimedia-Installationen produzieren. Millner ist Professorin am College of Staten Island, CUNY, Larsen ist Schriftsteller und Medienkritiker. Madeleine Bernstorff ist Filmkuratorin, Mitglied des Auswahlkomitees in Oberhausen, Autorin, Lehrende und Super-8-Filmemacherin.

 

Kontakt: Kristina Henschel