Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Conditional Cinema

Peter Miller: This Thing Connecting Us (Part 1) © Kurzfilmtage/Daniel Gasenzer

Manuela de Laborde: Ficciones © Kurzfilmtage/Daniel Gasenzer

 

Ein Grund für IKEAs phänomenalen Erfolg lag in der Idee, den Zusammenbau der Haushaltsgegenstände von den Fabriken ins heimische Wohnzimmer zu verlegen.  Kann man sich Filme vorstellen, die sich der Zuschauer zusammenbauen muss? Das Projekt Conditional Cinema ist der Versuch den trendige Begriff des „live cinema“ als Werkzeug einzusetzen – wie IKEAs Inbusschlüssel –, um die Utopien von Kunst nach dem Kapitalismus zu erforschen. Welche Rolle spielen Kino und Bewegtbild im Postkapitalismus? Der dunkle und im Wesentlichen stille Raum des Kinos ist öffentlich und zugleich extrem privat, nah und doch fern. Was, wenn das Kino das letzte friedliche und intime Refugium ist, das uns in diesen turbulenten Zeiten noch bleibt. Conditional Cinema besteht aus drei Sequenzen, die das Thema in jährlicher Weiterentwicklung von 2018 bis 2020 herausbilden. „Conditional“ im Sinne von etwas bestimmtes voraussetzen wie bei der menschlichen Kondition oder eben auch Vorführbedingungen ... (Mika Taanila)


Live Cinema

4. – 6. Mai

 

Die erste Ausgabe 2018 präsentiert Arbeiten im traditionellen Kinorahmen, aber mit der Maßgabe, das Bewegtbild als fließende Kunstform und nicht als fixiert und final zu verstehen: generative, improvisierte, halbautomatische, systemische oder reduzierte Filme, die erst im jetzt entstehen.


Conditional Cinema 1

This Thing Connecting Us, Peter Miller, Germany, 2018, 20'00''

Set, Peter Miller, Germany, 2016, 09'45''

Stained Glass, Peter Miller, 2016, 10'00''

ST*R, Peter Miller, Germany, 2018

 

Peter Miller arbeitet schon lange mit Projektion als Performance. Seine subtilen filmischen Werke verschieben den Fokus von vorbestimmten narrativen Ereignissen auf „das Jetzt“, auf die Linse, den Strahl, das Flimmern. Millers Filme sind auf den ersten Blick lieb und nett, aber bohren tief. Hat man sie einmal live erlebt, kommen sie in dunklen Nachtstunden immer wieder. Die zarte Leichtigkeit ihrer Ausführung und die Offenheit des „Inhalts“ sind der schöne, ruhelose Brennstoff für das wahre Kino von jedermanns ureigener imaginärer Welt. Wir werden ein Programm mit poetischen Miller-Werken sehen, die sich um himmlische Themen drehen. So leistungsstark diese planetarischen Werke ihrem konzeptuellen Denken und ihrer Form nach sind, so materialistisch, ja geradezu bodenständig, sind sie per se.

 

Fr, 4. Mai, 20:00 Uhr

Lichtburg Filmpalast/Gloria


Conditional Cinema 2

The Filmers' Almanac, Owen O'Toole, USA, 1988, 180'00'' 

 

The Filmers' Almanac war ein Gemeinschafts-Super-8-Film, den der Mail-Art-Künstler und Kinoaktivist Owen O’Toole 1988 von seinem Hauptquartier in Somerville, Maine, aus federführend geleitet hat. Inspiriert von Hollis Framptons unvollendet gebliebenem, kalendarischem Filmzyklus „Magellan“ enthält dieser Gemeinschaftsfilm über 200 Beiträge: Miniaturfilme von Künstlern, Filmemachern und Filmamateuren aus aller Welt. Die Idee bestand darin, dass jeder einzelne Mitwirkende an einem ausdrücklich festgelegten Tag des Jahres 1988 höchstens eine Standard-Super-8-Rolle (max. 15 Meter) drehen und anschließend an O’Toole schicken sollte, der ausnahmslos alles montierte. Mit dieser weltweiten Initiative wollte O’Toole die Rolle des einzelnen Autors verwischen und subjektiven Geschmack sowie eine zwanghafte „Qualitätskontrolle“ umgehen: „Ich will meine eigenen Kapazitäten und die der offenen Tausch-Community ausloten, die über die Post zugänglich wurde. Wir hoffen, eine massive Kollektivsicht auf die Vergänglichkeit zusammenzustellen, womöglich eine Methode, die Dimensionen unseres Planeten auszuloten.“

 

Das Projekt ist ein faszinierendes Zeitstück, ein kurzer Einblick in die Blütezeit des künstlerischen Super-8-Filmemachens und allgemein des Film-Networkings vor Erfindung des Internets. Die gesamte Korrespondenz zwischen O’Toole und dem Netzwerk seiner Mitkünstler erfolgte per Post. Die Screenings des Gesamtwerks waren jedes Mal anders und improvisiert, je nach den technischen Möglichkeiten des Kinos und der Aufmerksamkeitsspanne des Publikums. Zwischen 1989 und 91 wurde die Arbeit ein paar Dutzend Mal auf verschiedenen kleinen Filmfestivals und bei Kunstveranstaltungen in den USA vorgeführt. In Europa war sie in Braunschweig, Bielefeld, Bonn, Paris und Helsinki zu sehen, wohin O’Toole mit den Filmrollen im Handgepäck reiste. Schließlich führten das MoMA in New York und die San Francisco Cinematheque den The Filmers’ Almanac als Teil ihres extensiven „Big As Life“-Programms vor, das der Kunst des Super-8-Filmemachens gewidmet war. Wir sind stolz darauf, dass wir das Werk in seiner ursprünglichen Pracht präsentieren können, auf Zelluloid und mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Tonquellen,Farbgels, einer „lazy Susan“, Stimmungskurven und anderen rätselhaften Vorführanweisungen. Die Vorführung von The Filmers’ Almanac in Oberhausen, 30 Jahre nach seiner Entstehung, ist eine Hommage an Owen O’Toole, der im letzten Juli einer langen Krankheit erlegen ist.

 

Sa, 5. Mai, 17:00 Uhr

Lichtburg Filmpalast/Star


Conditional Cinema 3

Ficciones, Manuela de Laborde, Mexico, 2018, 30'00'' 

Literal Transition, Anton Nikkilä, Finnland, 2018, 30'00''

 

Manuela de Labordes Werk Ficciones (2018), eine Zusammenarbeit mit dem Soundkünstler David Goldberg für Conditional Cinema, wird zu einem dreijährigen Zyklus werden, einem Prozess, der sich mit der Zeit entwickelt. Eine Reihe von Tonfiguren wurde entwickelt, die Pflanzenformen ähneln, um die „movies“ anhand lebender Objekte zu erforschen. Diese Skulpturen bilden das Darstellerensemble in ihrem Film – organisches Live Cinema in Form von Gärtnern und Pflegen. Im ersten Teil dieses Zyklus werden die Figuren „gepflanzt“ und nackt, wie sie sind, betrachtet, bevor das Wachstum sie in Form einer Performance umgeben wird. In seinem Ablauf kann das Werk Erinnerungen wachrufen an den Einsatz von Zeit in der Filmgeschichte, von Warhols stummen „Screen Test“-Serien (1964–66) zu Richard Linklaters „Boyhood“ (2014). Indem über das Videosignal die dezente Präsenz von Grüntönen auf die Leinwand geworfen wird, wird deren Gegenwart zu filmischer Fiktion erhoben.

 

Anton Nikkilä ist Komponist und Übersetzer. In seinem Kellerstudio ist die Zeit laut dem Museumskalender an der Wand im Jahr 2015 stehen geblieben. Während er auf „Suprematismus“ von Kasimir Malewitsch, 1915, starrte, das auf der letzten Kalenderseite abgebildet war, erträumte Nikkilä sich ein unmögliches Projekt: Es ist an der Zeit, die ästhetischen Ideale der historischen russischen Avantgardekunst irgendwie umzukodieren und mithilfe der Bausteine heutiger Technomusik wieder neu zusammenzustellen. Aber wie soll das gehen, wenn es keine Revolution gibt, die diese Konstruktionen elektrifiziert und animiert? Und warum? Nikkilä hat darauf keine Antwort, macht aber weiter, ohne sich um irgendeine historische oder politische Korrektheit zu scheren, und verwendet alte kryptische Gemälde und theoretische Texte als semi-prozessuale Anleitung zum Komponieren. Literal Translations (2018) ist eine Film-ohne-Film-Performance mit Computermusik für ein vertikal aufgebautes quadrophones anti-immersives 2D-Tonsystem sowie Zwischen- und Untertitel, die im Raum schweben.

 

So, 6. Mai, 18:00 Uhr

Lichtburg Filmpalast/Gloria

Anton Nikkilä @ Christian Scholz


Der Kurator:

 

Mika Taanila ist Filmemacher und Künstler und lebt in Helsinki. Seine Arbeiten wurden unter anderem bei der Biennale Venedig 2017, der Aichi Triennale 2013 und der documenta 2012 gezeigt. Einzelausstellungen unter anderem im Kiasma Museum of Contemporary Art in Helsinki (2013-14), CAM St. Louis (2013) und TENT Rotterdam (2013).

 

Kontakt: Kristina Henschel