Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Rede Lars Henrik Gass
1. Mai 2019

Dr. Lars Henrik Gass

Festivalleiter Internationale Kurzfilmtage Oberhausen:

Rede anlässlich der Eröffnung der 65. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

1. Mai 2019, Lichtburg Filmpalast, Oberhausen

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

 

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Verehrter Herr Oberbürgermeister,

verehrte Frau Ministerin,

verehrte Landtagsabgeordnete, Stadtverordnete, Beigeordnete und Bürgermeister,

verehrte Förderer und Sponsoren,

liebe Gäste und Freunde, ich begrüße Sie recht herzlich im Namen der Kurzfilmtage in unserem kleinen gallischen Dorf.

 

Am Anfang war der Kurzfilm. Die ersten beiden Jahrzehnte der Filmgeschichte bestanden nur aus kurzen Filmen, von denen heute fast alle verschollen sind. Inzwischen aber hat man uns beigebracht, ein Film habe lang zu sein, ein Film für Kinder lustig und dass die Bedeutung eines Films sich an der Kinokasse erweise. Was wir heute als Maßstab eines Films ansehen, ist das historische Ergebnis der industriellen Auswertung von Film, nicht aber Ausdruck des künstlerischen Spektrums des Films. In diesem Jahr haben wir 7700 Einreichungen für die Wettbewerbe erhalten; rund 600 Filme aus über 60 Ländern in allen Programmen zeigen wir. Das gibt Ihnen eine ungefähre Vorstellung der aktuellen Vielfalt, von der wir gemeinhin nur so viel sehen wie von den ungefähr zehn Millionen Insektenarten, von denen gerade einmal zwei wissenschaftlich dokumentiert und die meisten vom Aussterben bedroht sind. Das, was uns Fernsehen und Kino in der Regel präsentieren, ist allenfalls Mittelmaß, was gerade so geht. Wir sollten Quote aber nicht mit Nachfrage verwechseln. Und selbst mit Nachfrage ist es so eine Sache: Nachfrage wird auch durch Angebot bestimmt. Ich glaube an die Kraft des Angebots. Das ist die Rolle von Kultur im Unterschied zum Markt. Wer sonst sieht etwa Kinotrailer – in diesem Jahr unser Thema und heute Abend unser Programm – als Kurzfilm und künstlerische Form an – oder Musikvideos, die wir 1998 ins Programm aufnahmen? Dafür steht Oberhausen, und das ist nach meinem Verständnis die Anforderung, die Sie mit Recht an Kultur stellen dürfen. Kultur ist eine antizyklische Maßnahme. Sie sucht nicht schnellen Erfolg, den einfachsten Weg. Kultur, die es ernst meint, hat selten Erfolg. Erfolg kommt sozusagen immer zu spät. Und der Aufmerksamkeitswettbewerb der Freizeitgesellschaft macht es Kultur seit dem Internet nicht leichter. Der richtige Film im leeren Kino ist aber immer noch besser als der falsche im vollen. Warum? Ein guter Film erfindet ein Publikum, der schlechte bedient es. Quote und Nachfrage gehorchen dem Markt. Relevanz dagegen ist ein Wert, den man nicht kaufen und nicht verkaufen kann.

 

Auf das Kino bezogen ist meine Haltung daher sowohl klar wirtschaftsliberal als auch radikal kulturell: Geschäftsmodelle, die sich als nicht wirtschaftlich erweisen, dürfen nicht gefördert werden, eine kulturelle Praxis jedoch, deren Preis höher als die Nachfrage ist, muss musealisiert werden, wie das für Theater und Oper längst der Fall ist. Faktisch aber wird Filmförderung in Deutschland – ich beziehe mich auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts – nach dem Grundsatz einer „wirtschaftlichen Erfolgsorientierung“ ausgelegt, obwohl eine „nachhaltige Erfolgssicherung“ nicht erkennbar ist und im Regelfall nicht einmal eingefordert wird. Die deutsche Filmbranche agiert nicht wirtschaftlich und wird auch nicht mehr wirtschaftlich agieren. Hat sie deswegen aber Anspruch auf über 300 Millionen Euro aus öffentlichen Haushalten? Wir alimentieren ein Geschäftsmodell, also „wirtschaftliche Erfolgsorientierung“, als handele es sich um Kultur. Das ist EU-rechtlich mindestens problematisch, wie ich gemeinsam mit dem Hamburger Medienrechtler Jascha Alleyne im vergangenen Jahr in Frankfurt auf dem Kongress zur Zukunft des deutschen Films vorgetragen habe (nachzulesen in der Wochenzeitung Der Freitag). Aus unserer Sicht geht die Filmförderung des Bundes nicht konform mit dem EU-Vertrag und die Filmförderung der Länder nicht konform mit der Verfassung.

 

Wenn aber Film, wenn Kino nicht mehr wirtschaftlich agieren, wird die „wirtschaftliche Erfolgsorientierung“ bei kommerziellen Produkten, die nicht profitabel sind, zur leeren Formel. Wir sollten sie durch ein kulturelles Angebot ablösen. Jede Großstadt leistet sich ein Museum für zeitgenössische Kunst und ein Theater, auch wenn dies kaum irgendwo in einem wirtschaftlichen Sinne vernünftig ist. Wenn dies auch für Film und Kino zuträfe, würden wir sicherlich bessere Filme zu sehen bekommen, auf jeden Fall mehr Vielfalt, künstlerisch wie filmgeschichtlich.

 

Das letzte Jahr war das in Zahlen ausgedrückt schlechteste für das deutsche Kino seit Beginn der Zeitrechnung. 17 Millionen weniger Kinobesuche gegenüber dem Jahr 2017 und entsprechend hohe Umsatzeinbußen stehen zu Buche. Die Filmförderungsanstalt (FFA) hat die Schuldigen schon gefunden: die „Qualität des Filmangebots“. Andere sprechen vom Wetter. Ich spreche von einer Entwicklung, die seit Jahrzehnten erkennbar ist und gesellschaftliche wie technologische Ursachen hat. Das ist keine Schwarzmalerei. Wenn man die Veränderung des Klimas benennt, ist dies eine Frage der gesellschaftlichen Vorsorge. Der Niedergang eines Geschäftsmodells ist nicht aufzuhalten, er kann nur gestaltet werden – und zwar kulturell. Es ist ein unverantwortlicher Umgang mit diesem Prozess, offenen Auges die unwiederbringliche Zerstörung von Strukturen in Kauf zu nehmen. An immer weniger Orten ist es etwa möglich, historische Reihen auf Film statt digital zu präsentieren. Hier in der Lichtburg schon.

 

Während sich die Filmwirtschaft im freien Fall befindet, wächst die Bedeutung der nicht-kommerziellen Filmprogramme. Die FFA kam zuletzt zu dem nur auf den ersten Blick erstaunlichen Ergebnis, dass Filmfestivals, Kinos in kommunaler Trägerschaft, Open Air usw. mehr Nachfrage erfahren. Wer Filme im Internet schaut, schaut nicht deswegen weniger Filme im Kino. Ich zitiere der lieben Ordnung halber: „Kino-Sonderformen (u.a. Filmfeste, Open-Air- und kommunale Kinos) haben im letzten Jahr sowohl bei Umsatz und Tickets als auch im Bestand kräftiger zugelegt als der Kinomarkt insgesamt. […] Und von den 64 Leinwänden, die im letzten Jahr zum Leinwandbestand hinzukamen, zählen 23 zu den Sonderformen. Am häufigsten vertreten sind in diesem Marktsegment die kommunalen/kulturellen Kinos (157), Universitätskinos (152) und Kinos von Vereinen (142).“ Verkehrte Welt: Die Nachfrage wächst nur für Filmfestivals, Kino in gemeinnütziger Trägerschaft, Uni-Kinos usw., also für Kultur im Kino. Offenbar ist Nachfrage vorhanden, aber die Formen, sie zu adressieren, stimmen nicht mehr. Im April habe ich gemeinsam mit Svenja Böttger, meiner Festival-Kollegin aus Saarbrücken, die Filmfestivals in Deutschland dazu aufgerufen, sich zu organisieren und ihre Anliegen gemeinsam vorzutragen. Über 50 Festivals haben jetzt schon ihr Interesse bekundet. Allein in Deutschland gibt es über 400 Filmfestivals. Mittlerweile gehören Festivals zum Auswertungsfenster fast jeden Films. Bei der Novellierung des Filmförderungsgesetzes aber wird deren Stimme bislang gar nicht gehört. Was muss sich ändern?

 

Eigentlich könnte ich meine Reden hier nach dem Prinzip copy&paste verfassen, vielleicht wäre sogar Beten noch besser als Zetern, denn weder ändert sich der Befund noch das Bewusstsein derer, die unerschrocken weiter die unwirtschaftlichen Geschäftsmodelle subventionieren, statt in die Zukunft von Film und Kino zu investieren. Sie erinnern sich vielleicht an meine Zahlen aus dem Vorjahr – Fakten, wie auch in diesem Jahr. Während der Landtag NRW bereits im Vorjahr die Förderung für die kommerzielle Auswertung von Filmen, Serien, Gaming usw. erhöhte, nämlich um 2,5 Millionen insgesamt, wurden 2019 nochmals drei Millionen zusätzlich in den Haushalt gestellt, künftig 17,5 Millionen Euro insgesamt und damit so viel wie noch nie. 5,5 Millionen Euro mehr in nur zwei Jahren. Zum Vergleich: Filmkulturelle Veranstaltungen, Angebote für Filmbildung, die weiterhin im Haushalt der Kultur ressortieren, bleiben auf gleichbleibend niedrigem Niveau, unter einer Million. Das heißt, in die wirtschaftliche Filmförderung in diesem Bundesland ging in zwei Jahren allein an Zuwachs, was filmkulturelle Angebote gerade einmal in fünf Jahren an Förderung erreichen. Das ist nicht nur falsch, sondern wird Kinokultur im öffentlichen Bewusstsein weiter beschädigen.

 

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte im Oktober: „Wer Kino sagt, meint Kultur!“ Nicht so ganz, würde ich sagen: Was wir heute in Deutschland im Kino erleben, hat nach meinem Verständnis mit Kultur wenig zu tun. Wer Kultur will, muss auch Kultur fördern, nicht Wirtschaft. Ich plädiere nicht für eine Konservierung der Vergangenheit, sondern für ein Umdenken. Während Kulturpolitik mit gutem Grund Museen und Theater auskömmlich fördert, weil sie als Geschäftsmodell nie und nimmer tragfähig wären, werden auf Film und Kino immer noch vollkommen andere Maßstäbe angewandt. Man hat sich zwar angewöhnt, die Werke von Murnau und Lang, von Fellini und Welles als „Filmkunst“ anzusehen, macht sich aber keinerlei Gedanken darüber, dass diese Werke mittlerweile kaum noch in Fernsehen und Kino zu sehen sind. Auf der Schnittstelle zur zeitgenössischen Kunst, im Dokumentar- und Kurzfilm wurden in den letzten Jahrzehnten aufregende Werke hervorgebracht, die öffentlich kaum irgendwo zu sehen sind. Im Grunde ist das, was die FFA „Sonderformen“ des Kinos nennt, eher der Ausweg. Die Sackgasse ist die Filmwirtschaft.

 

Im September letzten Jahres durften meine Kollegin Petra L. Schmitz und ich auf Einladung des Landtags Nordrhein-Westfalen im Ausschuss für Kultur und Medien vortragen. Für dieses Angebot bedanken wir uns hier nochmals ausdrücklich. Dort haben wir skizziert, wie man die Zukunft der Filmkultur gestalten könnte, Maßnahmen, die wir für bildende und darstellende Künste längst eingelöst sehen:

 

Etwa „in jeder Großstadt in NRW die Einrichtung und den Betrieb einer Kinemathek, also einen Ort für Kinokultur und auch Filmfestivals“. Etwa „die klare Trennung zwischen künstlerischer und wirtschaftlicher Filmförderung sowie eine deutliche Aufwertung der kulturellen Filmförderung“. Etwa „die Erhöhung der Mittel für die Filmbildung von Kindern und Jugendlichen“ oder „interministerielle Gespräche zwischen Kultur und Schule zur Aufnahme künstlerischer Filme in den Unterricht“, denn in all diesen Bereichen sind seit Jahren nur Rückschritte zu beobachten. Etat und Zuständigkeit möchten wir dem Kulturministerium unterstellt sehen. Ein Bundesland, das jährlich 5,5 Millionen mehr für Gaming und Mainstream ausgeben kann, sollte auch 5,5 Millionen für die Zukunft von Film und Kino übrig haben.

 

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit, allen Zuschussgebern und Sponsoren für die Unterstützung und vor allem dem Team der Kurzfilmtage.

 

 

Pressekontakt: Sabine Niewalda, T 0208 825-3073, niewalda@kurzfilmtage.de