Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Tod Hilmar Hoffmann

Zum Tod von Hilmar Hoffmann

 

Hilmar Hoffmann, Gründer und langjähriger Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, ist tot. Er wurde 92 Jahre alt. Seine letzten Jahre verbrachte er in Frankfurt am Main, wo er unser Verständnis von moderner Kulturpolitik wesentlich prägte durch seine Arbeit als Kulturdezernent der Stadt in den siebziger und achtziger Jahren. Das, was wir heute als „Kulturmanagement“ bezeichnen, hob er auf ein neues Niveau, als wir selbst noch keinen Begriff davon und keine Ausbildung dafür hatten.

 

Mit Sprachkenntnissen und Vertrauen, die er als Gefangener der amerikanischen Armee schnell erwarb, leitete er nach dem Krieg in Oberhausen die Aussöhnung mit deutscher Kultur ein, zunächst als Leiter der lokalen Volkshochschule in Oberhausen, dann als Leiter der „Westdeutschen Kulturfilmtage“ und schließlich im Verbund als Beigeordneter für Kultur der Stadt. Eine Kombination, die heute undenkbar wäre, aber Ausdruck seines enormen Potentials damals schon war. Dazu gehörte von Anfang auch die ungeheuerliche Fähigkeit, beiden Seiten gerecht und ausgleichend zuzuhören und zuzugehören, denen, die Kultur machen, und denen, die Kultur fördern. Hoffmann erkannte früh die Perspektiven „kultureller Bildung“, die mit der Volksschulbewegung, die Trägerin der Kurzfilmtage war, einherging.

 

Er beendete mit dem Festival den Kalten Krieg, als der noch international tobte, indem er die Filme aus den sowjetischen Ländern nach Oberhausen einlud, als denen auf dem Festival in Berlin noch die Aufführung verwehrt war und als das Bundesinnenministerium die Stadt Oberhausen deswegen mit Geld zu nötigen suchte. Darin war Hoffmann unkorrumpierbar, aber auch gewiss, dass er auf dem richtigen, zukunftsweisenden Weg war. Das erkannte eine ganze Generation von Leuten schon weit vor den sozialen Umbrüchen um und nach 1968 und strömte nach Oberhausen, als die anderen die Signale noch nicht vernahmen, als Veränderung noch nicht en vogue war. Er verstand sich als derjenige, der denjenigen, die Kunst machten, die nötige Freiheit gab. Das bleibt stilprägend und triftig: sich selbst in den Hintergrund zu stellen und schützend vor die Kunst; alles andere gehört sich nicht für Leute, die Kultur verwalten. Er musste von vielen Seiten viel einstecken, schon in Oberhausen, vermittelnd zwischen Ost und West, Sozialismus und Kapitalismus. Am Ende haben sie es ihm fast alle gedankt. Nicht aber die Koalitionäre der ersten rot-grünen Regierung in Berlin, die dem Goethe-Institut, dem er zeitweise vorstand, an den Kragen gingen. Mit denen verblieb er grußlos im Streit bis zum Schluss. Um der guten Sache willen schloss er Allianzen mit dem anderen politischen Lager, etwa mit Frankfurts CDU-Oberbürgermeister; andere wiederum bat er zur Kasse. Das nahm man ihm übel.

 

Viel Geschmack konnte er sich nicht leisten. So musste er es auch hinnehmen, dass ihm sein Filmmuseum in Frankfurt ins Kunstgewerbliche entglitt. Es war irgendwann vorbei in Deutschland mit „Kultur für alle“, die er nicht als Schlagwort, sondern als glaubhafte Begründung von Kulturpolitik geprägt hatte. Die Auseinandersetzungen, die zu seiner Zeit auf dem Festival in Oberhausen tobten, wusste er weitgehend zu moderieren. Wer wollte heute Richter darüber sein? Die Drohungen der Apparatefunktionäre ebenso wie der Ministerialbürokratien oder die Angriffe der begriffslosen Linken überstand er nicht durch Zynismus, sondern empathisch. Die Fähigkeit zuzuhören, war der Kern seiner politischen Kultur. Lieber tausendmal umsonst geredet als einmal geschossen. Mehr als einmal stand das Festival in Oberhausen auf der Kippe. Es war das einzige seiner Art, lange Zeit, das begründete seine Bedeutung, das bleibt der Auftrag, der einzulösen ist. „Kurzfilm“ war nur der Katalysator für die ästhetische und soziale Veränderung.

 

In Frankfurt dann entdeckte, förderte und erlitt er große Künstler wie Fassbinder, Berghaus, Gielen, Solti und andere. Er begleitete das Mitbestimmungsmodell der Frankfurter Bühnen, das bis heute in seinen demokratischen Maßstäben unerreicht ist und einigen als die bedeutendste Leistung der deutschen Theaterkultur der siebziger Jahre gilt. Unermüdlich sammelte Hoffmann Geld, ließ ein Museum nach dem anderen eröffnen. Darüber vergaß er vielleicht, deren Zukunft zu sichern, vielleicht aber wollte er Politik einfach nur nicht aus der Verantwortung entlassen sehen aus den Lehren der Vergangenheit; die sollte einfach die Zeche zahlen. Bis zum Schluss schrieb er, im Durchschnitt jährlich ein Buch, das hielt ihn lange am Leben.

 

Den Kurzfilmtagen ist er als deren Ehrenpräsident loyal und freundlich verbunden geblieben. Zum 60. Jubiläum des Festivals 2014 war er zum letzten Mal in Oberhausen, dessen Ehrenbürger er war. Wir vermissen eine große Persönlichkeit.

 

Lars Henrik GassFestivalleiter Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

 

Oberhausen, 04. Juni 2018

 

Pressekontakt: Sabine Niewalda, T +49 (0)208 825-3073, niewalda@kurzfilmtage.de