72. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, 28. April – 3. Mai 2026
Omnibusfilme, Tom Chomont, Marran Gosov und mehr: Programmempfehlungen
Am 28. April starten die 72. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, und neben den Wettbewerben und dem großen Thema-Programm „based on true events?“ zeigt das Festival in diesem Jahr eine Reihe von außergewöhnlichen und selten gezeigten Programmen zu einzelnen Themen und Persönlichkeiten. Dazu gehören analoge Filmvorführungen in „What’s Left?“, „Tom Chomont“ und „Sammeln, reden, zeigen: Marran Gosov via Bernhard Marsch“, aber auch Omnibusfilme aus diesem Jahrtausend in „Jenseits des Omnibusfilms“ oder ein Filmprogramm zur Erinnerung an die kürzlich verstorbene langjährige Leiterin des Internationalen Wettbewerbs, Hilke Doering.
Reisegefährten – Jenseits des Omnibusfilms, 29. April – 2. Mai
Mehrere Kurzfilme verschiedener Regisseur*innen, zusammengefasst zu einem „Langfilm“ – als Genre fristet der Omnibusfilm ein Schattendasein, obwohl es ihn seit den 1930er Jahren gibt. Seit 2025 rücken die Kurzfilmtage mit „Reisegefährten“ dieses hybride Format zwischen Lang- und Kurzfilm in den Mittelpunkt. Die Sektion widmet sich 2026 Filmen mit überwiegend multipler Autor*innenschaft, die in diesem Jahrtausend entstanden sind. Die Auswahl reicht von Filmen, die sich vergleichsweise deutlich an der klassischen Form des Omnibusfilms orientieren, bis zu solchen, die andere, auch komplexere innerfilmische Strukturen erproben. Sechs Spielfilme, Dokumentarfilme, Essayfilme und Experimentalfilme aus fünf Produktionsländern eröffnen einen besonderen Blick auf die verschiedenen Strukturen episodisch organisierter Filme.
Die Filme:
Stadt als Beute, Miriam Dehne/Esther Gronenborn/Irene von Alberti, Deutschland 2005
World at Stake, Susanna Flock/Jona Kleinlein/Adrian Jonas Haim, Österreich 2025
The Valley where LOAB Lives, Georg Tiller, Österreich 2026
China Villagers Documentary Project, Nong Ke/Zhang Huancai/Wang Wei/Zhou Cengjia/Shao Yuzhen/Ni Lianghui/Sqrolma Tshe Ring/Jia Zhitan/ Fu Jiachong/Chujian Yi, China 2006
Final Flesh, Ike Sanders, USA 2009
Luminous Void: Docudrama, Rouzbeh Rashidi, Irland 2019
What’s Left? Moles of the Archive, 29. und 30. April
„What’s Left?“ untersucht das Archiv der Kurzfilmtage mit besonderem Augenmerk auf ein rebellisches deutsches Kino, in dem der Geist des Oberhausener Manifests und des analytischen Denkens der 1960er-Jahre spürbar wird. In dieser zweiten Ausgabe stehen parallele Entwicklungen der bundesrepublikanischen Außenpolitik im Fokus, mit einem Schwerpunkt auf Beispielen für internationale Solidarität mit filmischen Mitteln.
Im ersten Teil setzen sich drei Filme mit Deutschlands Rolle im Kalten Krieg und seinen Bündnissen mit autoritären Regimes auseinander: Film 68 (Hannes Fuchs, 1968), Psalm 18 (Walter Heynowski, Gerhard Scheumann, 1974) und Nah beim Schah (Wolfgang Landgraeber, 1977). Im zweiten Teil geht es um die „innere Außenpolitik“. In drei Filmen deutscher Filmemacher*innen wird die Situation türkischer und italienischer „Gastarbeiter*innen“ im Deutschland der 1970er und 1980er-Jahre gezeigt: Für ausländische und deutsche Arbeiter (Kurt Rosenthal, Christine Trautmann, 1973), Alamanya, Alamanya – Germania, Germania (Hans-Andreas Guttner, 1979) und Rückkehr in die Türkei (Klaus Helle, Marianne Tampl, 1990). Sie stehen im Dialog mit Üç Bölümlü Kisa Film (Kurzfilm in drei Teilen, Özcan Arca, Türkei 1978), der kurz vor dem Militärputsch entstand. Dieses Programm wird begleitet von Dr. Ömer Alkin (Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach).
Tom Chomont, 30. April
Zwischen 1962 und 1989 drehte der früh verstorbene Chomont, der in den 1970er und 1980er Jahren zur New Yorker Underground-Szene gehörte, ungefähr 40 Kurzfilme: Experimente, für die er Farbpositive und Schwarzweißnegative kombinierte, was seinen Filmen eine einzigartige Aura verleiht. Der Filmemacher und Kurator Jim Hubbard schrieb: „Chomonts Filme bieten eine lyrische Darstellung der gewöhnlichen Welt, offenbaren jedoch gleichzeitig ein unverhohlen spirituelles und sexualisiertes Paralleluniversum. Seine unvergleichliche Technik, Farbpositivmaterial mit kontrastreichem Schwarzweißnegativ gegeneinander zu versetzen, erzeugt eine subtil schöne, jenseitige Aura.“
Der amerikanische Filmemacher, Restaurator und Essayist Ross Lipman präsentiert in diesem Programm restaurierte Titel vor allem von Tom Chomonts frühen, meisterhaften 16mm-Arbeiten sowie zwei Tondokumente – ein Restaurierungsprojekt, das die Herausforderungen offenlegt, die entstehen, wenn ein Künstler mit seinem Material auf eine Weise gearbeitet hat, die spezifisch für den fotochemischen Film war.
Ross Lipman: The Archival Impermanence Project, 30. April
Im Anschluss an die Vorführung der Filme von Tom Chomont stellt Ross Lipman bei den Kurzfilmtagen sein jüngstes Buch vor: The Archival Impermanence Project (2025), eine Sammlung von Fallstudien in Filmrestaurierung vom frühen Kino bis heute. Praxisbeispiele, seltene Archivdokumente, Essays, zahlreiche Illustrationen und Anhänge machen es zu einer unerlässlichen Ressource für Filmwissenschaftler*innen und Archivar*innen.
Ross Lipman war leitender Filmrestaurator im UCLA Film & Television Archive. Zu seinen Restaurierungen gehören Barbara Lodens Wanda, Kent Mackenzies The Exiles, der oscargekrönte Dokumentarfilm The Times of Harvey Milk sowie Arbeiten von Charlie Chaplin, Orson Welles, Shirley Clarke, Kenneth Anger und vielen anderen. Im Jahr 2008 wurde er mit dem „Preservation Honors“-Preis des Anthology Film Archives ausgezeichnet und gewann drei Mal den „Heritage Award“ der amerikanischen National Society of Film Critics.
Sammeln, Reden, Zeigen: Marran Gosov via Bernhard Marsch, 2. und 3. Mai
Eine doppelte Hommage an den Kölner Filme- und Kinomacher Bernhard Marsch (1962-2025) und den Regisseur Marran Gosov (1933-2021. Zwischen 1965 und 1975 drehte Gosov 27 Kurz- und fünf Langfilme, einige der witzigsten, weisesten deutschen Arbeiten seiner Zeit. Marsch nahm sich ihrer an, bewahrte sie in seinem Archiv und trug sie zu jeder Gelegenheit in die Welt hinaus – als Sammler analoger Kopien, die er nicht selten vor der Vernichtung bewahrte, und als unermüdlich Suchender in den Nischen der Filmgeschichte. In zwei Programmen zeigen die Kurzfilmtage zehn dieser Filme.
Hilke Filme, 2. Mai
Ein Filmprogramm zu Ehren der 2025 verstorbenen langjährigen Leiterin des Internationalen Wettbewerbs der Kurzfilmtage, Hilke Doering, zusammengetragen von Kolleg*innen und Freund*innen. Neun Arbeiten aus den Wettbewerben seit 2003, die Hilke Doering besonders am Herz lagen und für die sie in den Auswahlsichtungen gekämpft hat – Dokumentarisches, Animationen, Experimente, Musikfilme und ein Kinderfilm.
Oberhausen, 23. April 2026
Pressekontakt: Sabine Niewalda, T +49 (0)208 825-3073, niewalda@kurzfilmtage.de