Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

28. April – 3. Mai 2026
in Oberhausen!

Tierische Transformationen

Der Kinder- und Jugendfilmwettbewerb

Kinder fühlen sich Tieren sehr verbunden, auf eine andere Art als Erwachsene. Dass Tiere im Kinder- und auch noch im Jugendfilm eine sehr große Rolle spielen, überrascht also nicht. Im diesjährigen Kinder- und Jugendfilmwettbewerb entfalten Tiere und Tierfiguren in auffallend vielen Filmen ihre Präsenz. Und das nicht auf Disney-typische Weise.

Manchmal sind sie anwesend in der Abwesenheit, als zentrale Randfiguren, wie zum Beispiel in Georgi Martevs lakonischem golishar (nestling, Bulgarien). Ein Junge und seine Freunde kicken beim Spielen ein Vogelnest aus dem Baum, während die Eltern auf einer Beerdigung sind.

Ein toter Vogel steht auch im Zentrum der pakistanischen Produktion Attock von Awais Gohar. Ein zehnjähriger Junge verliert seine Lieblingstaube (der Vater isst sie auf). Man sieht die Trauer nicht, man kann sie nur ahnen, transportiert durch lange, fast statische Einstellungen. Attock ist so etwas wie Slow Cinema für Kinder im Kurzfilmformat.

Ähnlich ruhig verfährt Under The Wave off Little Dragon von Luo Jian aus Großbritannien. Hier ist es ein toter Fisch, der ein Mädchen zur Auseinandersetzung mit der Tradition ihrer Herkunft – den chinesischen Mythen, die ihre Mutter an sie weitergibt – und ihrer Gegenwart, dem Leben in einem Fischerdorf in Wales, konfrontiert.

In allen drei Filmen werden die jungen Protagonist*innen über Tiere mit dem Tod konfrontiert. In anderen verkörpert sich im Tier das Andere, das, was sich nicht einfügt in das, was die Gesellschaft vom Kind oder Jugendlichen verlangt. Das Tier kann dem Kind auch die Freude machen, es nicht zu bewerten und auch keine Noten zu vergeben. Tiere interessieren sich eben nicht für Mathematikunterricht. Auch das beruhigt. In Kun Zhu De Gou (A Trapped Dog, USA) steht Keke unter massivem Schulprüfungsstress. Den Ausweg bietet ein streunender Hund. Keke schließt sich ihm an, ob real oder in seiner Phantasie bleibt offen. Damit entkommt er einer leistungsfixierten Umgebung, von Regisseurin Xinying Lao als triste und lebensfeindliche Betonlandschaft in Szene gesetzt. Am Ende vollzieht Keke seine Tierwerdung und entflieht so dem strafenden Druck der Erwachsenenwelt.

Außenseiter und Fische

Kun Zhu De Gou erzählt eine Außenseitergeschichte, und um Außenseiter geht es sogar in vielen Filmen des Kinder- und Jugendfilmwettbewerbs. Andrea Walters dunkel-melancholischer Vampirkurzfilm daylight (USA) zum Beispiel gehört dazu. Aber auch der herzerwärmende El Mandado (The Favour) von Ingrid Paola Bonilla Rodriguez aus Kolumbien – eine kleine RomCom: Der lebenslustige Bauernsohn Wilmar lebt mit seiner Familie in den Bergen. Er melkt Kühe, liebt das Leben auf dem Hof und möchte Bauer werden, wie sein verstorbener Vater. Eigentlich alles prima, aber in der Schule wird Wilmar gehänselt und ist außerdem – zuerst unglücklich – verliebt. In kurzer Zeit lernt er jedoch, wie er zu seiner Herkunft stehen kann.

Einen starken filmästhetischen Kontrast zu den manchmal spröden Bildern oder unmittelbar beklemmenden Welten von golishar, Attock oder Kun Zhu De Gou bilden eine ganze Reihe Filme, in denen die Tiere Scharniere zu quietschbunt animierten, traumförmigen Universen bilden – und zwar auffällig oft im Meer. Oder anders: Man kann mit vielen der Filme abtauchen – ozeanisches Kinderkino. Noé Garcias Poisson Nuage (Cloud Fish, Frankreich/Belgienzum Beispiel widmet sich in einfachen und überzeugenden Formen den Tuschefarben und wie Kinder damit die Welt malen und erfassen.

Im gerade mal dreiminütigen Astral (Regie: Judith Ordonneau, Schweiz) beobachtet ein Mädchen durch ein Stethoskop die Sterne und wird dann von einem fröhlich-einfältigen, etwas eifersüchtigen Fisch davon überzeugt, es doch jetzt einmal mit dem Ozean zu versuchen. In Au gré de l'iode (To the Rhythm of the Sea) aus Frankreich wird das Haus eines Fischers, der Fische ausstopft, überschwemmt, er flüchtet sich aufs Dach. Die Farben sind warm und satt, die Formen changieren zwischen klassischer Animationsästhetik und Experiment. Jedes Bild, das die Filmemacher*innen Léa Deprez, Pierre-Luis Bordes, Elliot Desmarets und Jeanne Finet erstellt haben, möchte man sich am liebsten als Gemälde direkt an die Wand hängen, im Großformat.

Überbordende Fantasiewelten

Auch Kosmogonia (Regie: Karolina Chabier, Frankreich) und dipolar bipolar (Regie: Quankai Li, Japan) haben in ihren überbordenden Farben etwas Rauschhaftes, stecken voller fließender Assoziationen in ihren Fantasiewelten. Der Titel von Kosmogonia deutet es an, es geht um eine kleine Kosmologie: ein Ziegenbock und ein Stier und das ganze Universum, von den Einzellern bis zum Himmel. In dipolar bipolar wiederum ist das Universum ein einzelner Kopf oder besser eine einzelne Seele. Wir schreiben Tieren gerne menschliche Eigenschaften zu. Das ist auch der Grund, warum der vergleichsweise einfache, oft stereotype Anthropomorphismus zum Beispiel in Disney-Filmen so gut funktioniert. dipolar bipolar streicht allerdings jedes Kitschpotenzial rigoros und erklärt die Gespaltenheit – Lebenslust und Traurigkeit, Produktivität und Depression – anhand von Hund und Katze. Nicht lehrfilmartig, sondern als komplexen und widersprüchlichen Bewusstseinsstrom, nach dem jede*r andere Dinge wahrnehmen und erinnern wird.

Das haben all die Tierfiguren des Wettbewerbs gemeinsam (und eigentlich auch alle Wettbewerbsfilme überhaupt): Alle sind sehr frei von Kitsch und von kostengünstigen Wohlfühlgefühlen, die das Publikum, egal welchen Alters, nicht ernst nehmen. Stattdessen schlagen sie alle einen überraschenden, komplexen Blick auf die Welt vor. Mit wunderschön anzusehenden und intensiven Bildern und Montagen als Ergebnis.

Benjamin Moldenhauer

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Gezeigt werden alle Filme nach Altersgruppen, beginnend mit dem Programm für die Kleinsten ab drei Jahren. Ab Mitte April steht das komplette Programm online. Bis dahin finden Sie die Liste aller Filme in diesem Wettbewerb über folgenden Link.

Kinder- und Jugendwettbewerb

Mehr Highlights für Kinder und Jugendliche

Zum Kinder- und Jugendkino der Kurzfilmtage gehört jedoch nicht nur der Wettbewerb. Im MuVi 14+ laufen internationale Musikvideos, speziell ausgewählt für Menschen ab 14. Ein Programm von Jugendlichen für Jugendliche ist „Short Takeover“, von jungen Oberhausener*innen ausgewählte und präsentierte Filme. Angehenden Filmexpert*innen sei „Schau Genau“ empfohlen: Hier werden drei ausgewählte Filme aus dem Wettbewerb auf Herz und Nieren geprüft und eingehend diskutiert – welche Bilder finden die Filmemacher*innen und warum? Wie steht es mit Ton, Kamera und Licht? Wie gut geben die Filme die Welt von Jugendlichen und Kindern wieder? Und wie sieht das dann im Kino aus?

Kinder machen Filme

Die Cine-Kids-AG der Brüder-Grimm Schule

Mehrere Mitglieder unserer diesjährigen Kinderjury machen selbst Filme, und zwar in der CineKids-AG der Brüder-Grimm Schule. Wir wollten wissen, was dahintersteckt, und haben kurzerhand ein Interview mit dem Leiter der AG, Andreas Puchar, und seinem Filmteam arrangiert. Herr Puchar brachte diese AG 2019 an die Brüder-Grimm Schule, nachdem er mit dem Projekt schon als studentische Hilfskraft bei der Oberhausener Sehsternchen Agentur Erfahrungen gemacht hatte. Für ihn ist die praktische Arbeit mit dem Medium Film und die freie Gestaltung der Filme besonders lehrreich, da dadurch das Verständnis von Medien bei den Kindern quasi von alleine geschult würde. In der Produktion arbeitet er eng mit dem Cutter Johannes Fritsche (u.a. Deutschland von oben, Gangster Läufer, Die wilden Phillipinen) zusammen, zudem kooperiert die AG mit unserem Festivalkino, der Lichtburg in Oberhausen: Zu Beginn gibt es immer eine exklusive Führung hinter die Kulissen des Kinos und einmal Filmeintritt gratis. Unterstützt werden die CineKids auch von der Caritas.

Der Traum vom Filmemachen

Als die Kinder dazu kamen, füllte sich der Raum mit schierer Begeisterung. Die zehn Kinder, die an der AG teilnehmen, freuen sich jede Woche, an ihrem eigenen Film zu arbeiten.„Ich mache mit, weil ich es mag, Filme zu machen und ich habe sowas noch nie gemacht und es war schon immer mein Traum," erzählte Jodie, Ikhlas berichtete Ähnliches: „Ich will Schauspielerin werden und wollte auch schon immer Filme drehen.” Auf die Frage, warum sie denn gerne Filme drehen will, antwortete sie: „Ich schaue selber viele Filme und habe sogar auf YouTube schon Videos von hinter den Kulissen gesehen, da wollte ich es ausprobieren.”

Als wir genau wissen wollten, wie sie denn auf die Geschichte ihres Films kommen, gingen viele Hände hoch. Ikhlas fing an und erzählte uns, wie sie die Idee erarbeitet haben: „Wir haben Dreiergruppen gemacht und haben uns aufgeteilt und jede Gruppe hat sich eine Geschichte ausgedacht, dann haben wir zusammen entschieden, welche die Beste ist.” Das Rennen machte eine Geschichte, in der der Strom in der Schule plötzlich ausfällt. Als das Licht wieder angeht, ist eine der Schülerinnen verschwunden. Den nächsten Teil der Schilderung übernahm Jodie: „Danach wird die verschwundene Person von uns, also den anderen Schülerinnen, gesucht”. Tina ergänzte: „Die verschwundene Schülerin wurde von einem Geist in den Schrank gesperrt. Während wir die Schülerin suchen, werden wir vom Geist erschreckt und erzählen es der Lehrerin, Frau Schreistein. Sie glaubt uns aber nicht.” Schließlich geht die Lehrerin selber auf Suche und begegnet auch dem Geist. Wie es zu Ende geht, bleibt ein Geheimnis – keine Spoiler!

Erfahrungen mit Casting und Dreharbeiten

Als wir fragten, wer denn diese Idee hatte, zeigten alle einstimmig auf die sichtlich stolze Nour. Ein konkretes Drehbuch gibt es nicht, die Szenen werden immer am jeweiligen Tag geplant und gefilmt, weil die Kinder selbst es genau so wollen. Wie die Besetzung der Rollen ablief, erzählte Lara: „In der Geschichte von Nour gab es zwei feste Rollen. Den Geist und die Lehrerin. Andreas hat uns gefragt, wer diese Rollen spielen will, dann durften wir aufzeigen. Er hat uns aber nicht gesagt, du musst diese Rolle machen oder so.” Beim Dreh gibt es, wie bei jeder Filmproduktion, durchaus auch einmal mehrere Takes: Die Kinder schauen sich jede Szene direkt nach dem Dreh an, wenn nicht alle mit dem Ergebnis zufrieden sind, wird noch einmal gedreht, wie Tina erzählte. Sie schilderte einen Drehtag „Wir schminken auch den Geist. Wir haben auch schon eine Vorstellung, wie es weitergehen soll. Dann sprechen wir darüber und mischen unsere Vorstellungen. Dann geht das eigentlich immer ganz schnell und wir fangen an zu filmen.”

Die Filmproduktion macht allen sichtlich Spaß. Ikhlas erzählte: „Ich kann sehen, wie das mit der Kamera funktioniert und vor der Kamera spielen.” Lara wiederum freute sich besonders darüber, dass sie in der Rolle der Lehrerin die Schüler*innen anmeckern darf. Andreas Puchar ergänzte, dass sich Lara auf ihre Rolle als Lehrerin immer besonders sorgfältig vorbereitete. Sie würde eine halbe Stunde früher kommen, sich schminken und verkleiden und wenn sie in der Rolle verkleidet sei, ginge sie immer mit sehr viel Selbstbewusstsein an das Filmen heran.

Ein paar Aspekte der Filmproduktion finden die Kinder nicht ganz so gut: Es nervt, wenn die anderen nicht so konzentriert an die Sache herangehen. Andere erzählten uns auch, dass sie manchmal Angst hätten, vor der Kamera zu stehen oder sich nicht richtig konzentrieren könnten und immer anfingen zu lachen. Und dass Herr Puchar manchmal länger mit der Technik braucht oder das Schminken dauert, gefällt auch nicht allen. Trotz allem wirken die Kinder alle sehr zuversichtlich und aufgeregt. Wir sind uns sicher, dass ihre harte Arbeit am Ende, wenn sie ihren Film stolz den anderen Klassen präsentieren können, belohnt wird!

Cora Horstmann

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Hauptsache kurz – die wichtigsten Informationen rund um Tickets und Programme

Bei den Kurzfilmtagen geht es um Entdeckungen: Hier kann man sich von Bildwelten faszinieren lassen, die neu und anders sind, Filme sehen, die überwältigen, nachdenklich machen, anregen. Aus der ganzen Welt, immer im Original, und oft in Anwesenheit der Filmemacher*innen.

Sechs Tage lang bespielen wir die fünf Säle im Oberhausener Filmpalast Lichtburg und das Walzenlagerkino, ein gemütliches kleines Kino im Zentrum Altenberg. Ein Ticket gilt immer für ein ganzes Programm etwa in Spielfilmlänge, bietet also die Chance, gleich mehrere Filme auf einmal zu sehen.

Alle Filme werden in der Originalfassung gezeigt. Dabei bieten die Kurzfilmtage immer mindestens eine englische Übersetzung an, als Untertitel oder als Voice-Over per Kopfhörer. Im Kinder- und Jugendkino gibt es zudem bei allen Filmen auch eine deutsche Übersetzung.

In den Wettbewerben zeigen wir aktuelle Kurzfilmproduktionen aus der ganzen Welt. Wer sich für aktuelle Themen interessiert, wissen will, wo auf der Welt Kurzfilme gemacht werden, wie vielfältig sie sein können, ist hier richtig. Die thematischen Programme wurden von Kurator*innen zusammengestellt. In diesem Jahr geht es um Realität und Fiktion im Film. Oder um Omnibusfilme. Oder um die Outtakes aus Claude Lanzmanns Shoah. Oder um Entdeckungen aus unserem Archiv. Oder um Musikvideos – und vieles mehr.

Tickets?
Ganz einfach online auf unserer Programmseite buchen, mit einem Klick auf das gewünschte Programm kommt man bequem zum Ticketkauf. Ein Einzelticket kostet 8 Euro, mit dem 10er-Ticket für 40 Euro kostet ein Programm nur 4 Euro. Außerdem gibt es Karten an der Abendkasse in der Lichtburg und im Walzenlager – natürlich nur, wenn die Vorstellung nicht ausverkauft ist.

Wir wünschen viel Vergnügen!

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