
Den Ozean aus Zeit überwinden (IW & DW) / Die Verbindung halten (IW & DW) / Die eigenwillige Schönheit der Gegenwart (NRW) / Die Dingwelt schlägt zurück (MuVi) / Tierische Transformationen (KiJu)
©Den Ozean aus Zeit überwinden
Filme über Erinnerung, Bewältigungsversuche und Neuanfänge im Internationalen und im Deutschen Wettbewerb
Ein Hund frisst einen Fisch, gefolgt von einer in Schwarzweiß aufgenommenen Interview-Sequenz. Eine Mutter erzählt von ihrem Sohn, einem der vielen, die während des Kriegs verschwunden sind. Aber die Stimme der Frau ist nicht zu hören, wir bekommen nur ihre körperliche Präsenz und sehen in einem intimen Moment, wie ihr Gesicht sich zum Weinen verzieht. Dann ein Schnitt auf einen Wald, ihr Antlitz in Großaufnahme, Aufnahmen der Menschen, die das Interview aufzeichnen. Rajee Samarasinghes A Flower Falling Back Into the Earth (29. April, 15 Uhr, Internationaler Wettbewerb, Tickets) ist eine visuell kraftvolle Collage aus dokumentarischen Bildern, aufgenommen in einer noch immer vom singhalesischen Militär besetzten Region Sri Lankas.
Das Kino, ob Kurz- oder Langfilm, kann ein Ort sein, an dem Erfahrungen erzählt werden und so ihre Bilder finden können. Auch die schrecklichen. Zum Beispiel in Filmen, die, wie viele Beiträge der diesjährigen Wettbewerbsprogramme, von Erinnerung und Bewältigungsversuchen handeln: Erzählungen von Einzelschicksalen, die direkt berühren.
©Mit Filmen vom Verlorenen erzählen
Auch der ebenfalls im Internationalen Wettbewerb gezeigte an open field (30. April, 20 Uhr, Tickets) verweigert ein eindeutiges Bild. Ein Versuch, mit der Erfahrung von Verlust und Trauer umzugehen, indem man beidem einen Ort gibt. Das „offene Feld“ ist der Absturzort des Ethiopian-Airlines-Flugs 302 am 10. März 2019, bei dem eine Boeing 737 MAX sechs Minuten nach dem Start abstürzte und alle 157 Menschen an Bord ums Leben kamen. Der südafrikanisch-deutsche Regisseur Teboho Edkins, dessen Bruder unter den Opfern war, besucht mit seinem Vater und einer Kamera das Dorf, hinter dem das Feld liegt, und dokumentiert die Trauerrituale der Dorfbewohnerinnen und -bewohner, sozusagen von Innen, als Teilnehmender. Sie sprechen mit anderen Angehörigen der Toten und dem Vater des Piloten, dem vom Lufthansa-Konzern die Verantwortung für den Absturz zugeschrieben wurde. Die Kamera wird zum Instrument von Trauerarbeit: an open field ist ein Beispiel für einen Film, in dem der Versuch der Bewältigung vom Filmemacher nicht einfach dokumentiert oder für die Kamera inszeniert wird. Das Filmemachen, die Erstellung der Bilder, ist selbst Teil des Trauerprozesses und hat etwas Lösendes. Edkins weint, während er seinen Film dreht, und die Bilderübertragen das Gefühl der Trauer mehr und mehr ins Publikum. Sie erzählen vom Verlust und davon, wie man ihn teilen und auf diesem Wege vielleicht heilen kann.
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©Von einer Vertuschung, also einem Versuch, das, was geschehen ist, auszulöschen, handelt hingegen Qui a tué Narin G****? (Who Killed Narin G****?, 1. Mai, 17 Uhr, Internationaler Wettbewerb, Tickets)der Regisseurin Ayçe Kartal. Der reale Fall, auf den sich der True-Crime-Kurzfilm im Cartoon-Format bezieht: Im August 2024 wurde die achtjährige Narin Güran von ihrer Familie getötet. Teile der Gemeinschaft des Dorfes im Südosten der Türkei, in dem Narin gelebt hat, halfen dabei, das Verbrechen zu verschweigen und die Leiche zu verstecken. Kartal hat eine Art surrealen Traum aus Zeichnungen geschaffen, die an von Kindern gemalte Bilder erinnern. Der Film spekuliert, dass Narin etwas gesehen hat, das sie nicht hätte sehen dürfen. Die Verbindung von Kinderbildästhetik und dem Wissen um das Verbrechen lässt Qui a tué Narin G****? zu einem ebenso berührenden wie erschütternden Wettbewerbsbeitrag werden.
Familiengeheimnisse
Geheimnisse sind auch das Thema von Secretos a voces (Open Secrets, 1. Mai, 17 Uhr, Internationaler Wettbewerb, Tickets), der ebenfalls im Internationalen Wettbewerb läuft. Ein verspieltes und klug konstruiertes filmisches Experiment, das Vergangenheit und Zukunft auf faszinierende Weise miteinander verschränkt.
©Gorka Carcedo Labayen hat das fast vierzig Jahre alte Hochzeitsvideo seiner Eltern ausgegraben und zu einer Art Zeitkapsel modelliert, in deren Bildern sich nun die (damalige) Zukunft zeigt – durch ins Bild gekritzelte Pfeile und kurze erklärende Anmerkungen. „My grandfather was kidnapped and tied to a tree by members of the ETA“, Juanitatxo hat wohl mit einer Frau zusammengelebt und ist dann Nonne geworden, einer der Gäste hatte mit einer Kellnerin Sex auf der Toilette des Restaurants, in dem gefeiert wurde, die Tante wird nicht mehr mit der Mutter des Filmemachers sprechen (ein Erbschaftsstreit) und so weiter. Die Menschen erscheinen auf der Feier als die, die sie einmal sein werden – definiert durch die Familiengeheimnisse, von denen jeder weiß, die aber nicht erwähnt werden dürfen.
Noch eine Familie: In Li-Chen Huangs Liquor (3. Mai, 15 Uhr, Deutscher Wettbewerb, Tickets) ruft die Mutter die Tochter herbei, auf dass sie ihr dabei helfe, das Wasser, das sich im Kopf der Mutter angesammelt hat, zu entfernen. Und zwar mittels einer Art Nabelschnur. Liquor ist animierter Body Horror, der sich als Einstiegskanal für eine Meditation über Fürsorge und Ohnmacht entpuppt. Eine Mutter-Tochter-Geschichte erzählt auch Je croyais que la vie était un poème (2. Mai, 17 Uhr, Deutscher Wettbewerb, Tickets), wie auch Liquor im Deutschen Wettbewerb. Aber weitaus versöhnlicher: Eine junge Mutter schreibt ihrer Tochter Lila einen Brief in die Zukunft und erinnert sich: Ein paar Wochen nach der Geburt zog sie mit ihr aus der engen Stadtwohnung hinaus aufs Land. Allein, niemand zum Sprechen, nur eine kurze Begegnung am Fluss. Ruhige Einstellungen, eine innige, stille Annäherung, und am Ende steht ein neues Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. „Aber das war nur der Anfang unserer Abenteuer.“
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©@ Felix Herrmann
Einen Ozean aus Zeit überwinden
Um Familiengeschichte(n) geht es auch in TEÊMBA! (FLOW!, 2. Mai, 11 Uhr, Internationaler Wettbewerb, Tickets)der ruandischen Filmemacherin Kagoma Ya Twahirwa, hier aber wie in A Flower Falling Back Into the Earth wieder verbunden mit einem kollektiven Trauma. Es beginnt mit einem in nüchternem Schwarzweiß aufgenommenen Interview, in dem ein junger Mann darüber spricht, wie er versucht, seinem im Genozid umgebrachten Vater, den er nie gekannt hat, nahezukommen. „I hear about the history and it breaks my heart so much“ ist der eine zentrale Satz in TEÊMBA!, bevor er zur Farbe wechselt und zu einer Collage aus Traumbildern, Nachrichtenausschnitten und dokumentarischen Aufnahmen aus einem Dorf der Tutsi wird. Alles verbunden durch das leise pulsierende Geräusch von Wellen und den zweiten zentralen Satz, der für TEÊMBA! gilt, aber auch für alle anderen hier genannten Filme: „The times that have passed, they always come back.“
©Die umfassende Macht des Vergangenen will der wunderschöne Let Me Circle Around You (1. Mai, 17 Uhr, Internationaler Wettbewerb, Tickets) der Regisseurin Aiya Akilzhanova in Bilder fassen. Sie kreisen um ein immer wieder geflüstertes kasachisches Wort, das nicht ohne Weiteres übersetzbar ist: „ainalayin“. Es bezeichnet die unausgesprochenen Verbindungen zwischen dem Vergangenen und der Gegenwart: Wir sehen Erinnerungsbilder, Lichteinfall, alte Familienvideos, Bilder von geliebten Menschen, in einem so sogartigen wie sanften Bilderstrom. Das kann das Kino, immer wieder: Das Vergangene für einen Moment so zu fassen, dass es, wie Aiya Akilzhanova es formuliert, einen „Ozean aus Zeit“ überwinden kann.
Benjamin Moldenhauer
Termine
Internationaler Wettbewerb: 29. April – 3. Mai, Übersicht
Deutscher Wettbewerb: 2. und 3. Mai, Übersicht
Die Verbindung halten
Sowohl im internationalen als auch im deutschen Wettbewerb beschäftigen sich mehrere Filme in Oberhausen mit der Wirklichkeit aus der Sicht von Migrant*innen
Für vielevon uns ist Migration der Grund, warum wir hier sind – als Flüchtende, Vertriebene, Arbeitsmigranten. Oder, manchmal seit Generationen, als deren Nachkommen. In diesem Jahr denken viele Wettbewerbsfilme in Oberhausen bewegend und kunstvoll darüber nach, was man bei der Migration zurücklässt oder in sich trägt, und wie man versuchen muss, damit klarzukommen: mit Galgenhumor, schmerzlicher Verbundenheit, mit Freundschaft, Bodenständigkeit und Zartheit – und dem existenziellen Gefühl der Unwirklichkeit.
Als junge Single-Frau auf der Flucht zu sein, mit Träumen vom Leben und der Liebe: Wie fühlt sich das an? „Ungewollte Migration ist wie Sterben“, sagt die ukrainische Filmemacherin und Pop-Künstlerin Nelly Shylova in ihrem autobiographischen Self Preserving Nudity (2. Mai, 11 Uhr, Tickets) im Internationalen Wettbewerb. Es ist, als wärst du nicht mehr da und alles nicht wahr. In deinem früheren Leben warst du ein flippiges, sexuell offenes Szene-Girl. Nun lebst du in einem Fegefeuer von überfüllten Flüchtlingszügen und Aufnahmelagern und machst nervöse Witze über deine absurde Lage. „Ich wollte Abwechslung, wollte reisen: Alle meine Wünsche wurden mir erfüllt.“
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©Eine andere junge Frau, in Alina Titorenkos Les femmes en feu (Women on Fire, 1. Mai, 17 Uhr, Tickets), ebenfalls im Internationalen Wettbewerb, hat es aus dem Grenzgebiet zur Ukraine ausgerechnet nach Paris verschlagen, der angeblichen „Stadt der Liebe“. Jetzt streichelt sie dort ihre mitgeflohene Katze, scrollt vergeblich durch die Tinder-Annoncen und bittet ihre tote Oma im Himmel um einen Rat gegen die Einsamkeit.
Was macht dich aus, fern von zuhause?
Was bleibt von der einstigen „Identität“, nach deren Beweisen dich Behörden fragen? Gibt es dich noch? Was bleibt davon übrig, ohne deine Leute, fern von zuhause, plötzlich in Uniform, die Haare ab? Eine kleine Gruppe junger, ukrainischer Freunde erlebt einen letzten lässigen vertrauten Abend mit einander vor der Einberufung, im herzzerreißenden The Birds are silent (Regie: Leo Dzhyshyashvili), der im Deutschen Wettbewerb läuft (3. Mai, 15 Uhr, Tickets). Ein Einzelner findet sich wieder als animiertes, undefinierbares Fragment aus Wünschen und Ängsten in Until it’s hard to tell (Regie: Ceren Oykut, 2. Mai, 13 Uhr, Deutscher Wettbewerb, Tickets) und muss in einer zerbrochenen Sprache nach Wörtern suchen. In Homecoming (1. Mai, 17 Uhr, Internationaler Wettbewerb, Tickets) der beiden Filmemacher*innen Roman Khimei und Yarema Malashchuk schickt ein aus der Ukraine geflohener junger Mann seinen Avatar in Gestalt eines drolligen, energischen Roboterhundes – wie sie sonst militärisch genutzt werden – nach Hause, um mit den Daheimgebliebenen in Kontakt zu treten. Doch selbst die Katze kennt ihn kaum mehr wieder. „Katzen zeigen doch ihre Gefühle meistens nicht“, tröstet ihn die Mama, bevor mal wieder die Telefonverbindung streikt und sie traurig seinen Namen ruft.
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©In Maryam Zuhuris Letters from Home (2. Mai, 20 Uhr, Internationaler Wettbewerb, Tickets) stapelt eine über die türkisch-iranische Grenze geflohene Frau an ihrem Asylort in einem Aushilfsjob ohne Ende Eierkartons und denkt an ihre ferne Familie. Die beiden alten Leute in Prayer for All Simple Things (Regie: Diego Rojas, 2. Mai, 20 Uhr, Internationaler Wettbewerb, Tickets) waschen in den USA auch am Thanksgiving Day Teller und fristen ihr Leben als fast Unsichtbare mit Dankbarkeit für kleine Dinge: „3652 Sonnenuntergänge seit der Flucht, und ob man hier geliebt wird oder nicht: Es ist es wert.“ Ein Team hilft geflüchteten jungen Boxern mit Spaß und Kameradschaft in Knockout Dreams (2. Mai, 17 Uhr, Deutscher Wettbewerb, Tickets) von Andreas Birkenheier. Aber wie lange, und „was, wenn einer von uns abgeschoben wird und wir uns nicht mehr wiedersehen?“.
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©Die Verbindung halten
Wie kann man Worte finden? Und welche Wertung geben sie den Dingen? Was kann man sagen und was nicht? 1970 suchte der WDR in einem Wettbewerb ein neues Wort für „Gastarbeiter“ und stellte eine bizarre Liste von Preisen in Aussicht – vom Ford GT über einen Teppichboden inklusive Verlegung bis zur Runde Stammtischbier. Die 30.000 eingesandten Vorschläge klangen freundlich bis hässlich und feindselig. In Ein neues Wort, (2. Mai, 13 Uhr, Tickets) der im Deutschen Wettbewerb läuft, macht ein Münchner Chor langjähriger Arbeitsmigrant*innen meist türkischer Herkunft unter Spaß und Gelächter jetzt einen Songtext daraus und lässt die Filmemacherin Cana Bilir-Meier dabei zusehen: „Aber filme nicht unsere Bäuche!“. Yulia Lokshinas How do you spell this word? (3. Mai, 11 Uhr, Deutscher Wettbewerb, Tickets) zeigt, wie eine während des Ukrainekriegs aus Russland geflohene Lehrerin mit ihrer neuen Klasse in Deutschland den Grund für ihre Flucht nachspielt: Als sie sich im Unterricht kritisch gegen den Krieg äußerte, nahm das ein Schüler heimlich auf, und seine Eltern denunzierten sie – beeinflusst von einer Propaganda, die solche Kritik „unpatriotisch“ oder sogar „faschistisch“ nennt. In Map of Traces (2. Mai, 20 Uhr, Deutscher Wettbewerb, Tickets) von Chan Hau Chun schließlich blättert ein freundlicher alter Mann erschöpft in seinem Notizbuch. Die zierlichen Zeichnungen darin standen einmal sichtbar an den Wänden seiner Stadt Hongkong als Zeichen der Trauer über die Opfer dortiger politischer Unruhen. Als es ihm verboten wurde, malte er unsichtbar, mit Wasser weiter. Es war ihm wichtig, die Verbindung zu halten. Und darum geht es jedem dieser Filme.
Silvia Szymanski
Termine
Internationaler Wettbewerb: 29. April – 3. Mai, Übersicht
Deutscher Wettbewerb: 2. und 3. Mai, Übersicht
Die eigenwillige Schönheit der Gegenwart
Die Beiträge des NRW-Wettbewerbs fallen in diesem Jahr bemerkenswert global aus – und beweisen ungewöhnlichen Mut zur Offenheit
Zukunftsträume auf der Skaterbahn in Kirgisistan, die wachsweich-erotische Liebkosung eines alten Autos, 142.000 Jahre Wassertragen – es ist wirklich nicht ganz einfach, die Themen des NRW-Wettbewerbs ohne größere Verbiegungen auf einen Nenner zu bringen. Und das ist eine gute Nachricht für ein Publikum, das sich von diesem jüngsten Wettbewerb des Festivals die vielleicht größten Überraschungen versprechen darf.
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©Aus über 260 Einreichungen wurden neun Filme mit Produktionssitz in Nordrhein-Westfalen ausgewählt. Drei davon sind Hochschulfilme von der KHM Köln, die übrigen sechs treten als freie Arbeiten an. Auffällig ist in diesem Jahr, dass nur eine Minderheit der ausgewählten NRW-Filme tatsächlich in der westlichen Bundesrepublik spielt. Stattdessen führt das Programm einmal um die Welt und rüttelt dabei wie nebenbei auch an gut abgehangenen Genrekonventionen. Rainer Komers’ Dokumentarfilm Kamogawa (1. Mai, 20 Uhr, Tickets) etwa porträtiert Menschen am sogenannten Wildentenfluss in Kyoto, die in sonderbarer Einkehr und mit wenig Worten ihren Geschäften nachgehen: ein Film, der über seine besondere Rhythmik zwar klassische Porträtarbeit leistet, wie von selbst aber sehr grundsätzlich zum Nachdenken über das Leben einlädt. Ebenfalls recht still erzählt Irfan Akcadags Kenger (1. Mai, 15 Uhr, Tickets) die Geschichte eines jungen Mädchens bei der Distelernte in Anatolien, das sich mit selbstgemachten Kaugummis ein Paar neue Schuhe finanzieren möchte: Motive wie aus dem Märchen, die uns in der Schärfe und Präzision eines Dokumentarfilms begegnen. Eine Tochter und zehn Söhne (1. Mai, 15 Uhr, Tickets) von Paula Milena Weise und Finn Ole Weigt wiederum begleitet zwei junge Frauen in Kirgisistan, die in der postsowjetischen Tristesse auf die US-amerikanische Greencard-Lotterie hoffen – was zwischen krisenhafter Weltpolitik und Coming-of-Age-Drama changiert.
Schweigsam in der U-Bahn
Aber auch an heimischen Drehorten lassen sich bemerkenswerte Geschichten erzählen, wie etwa Maximilian Karakatsanis mit Beneath the Night (1. Mai, 20 Uhr, Tickets) unter Beweis stellt – und das wohl auch mit der prominentesten Besetzung. Der aus dem Polizeiruf Halle bekannte Peter Schneider spielt einen U-Bahn-Fahrer mit dem sprechenden Namen Kerl, der zum Gesicht einer Marketingkampagne seines Verkehrsunternehmens wurde und nun in Uniform von Plakaten in Bus, Bahn und an Haltestellen blickt. Die Kamera begleitet Kerl am Führerstand der Bahn durch endlose Tunnel, in entvölkerte Bahnhöfe der ganz frühen Morgenstunden oder in die Einsamkeit der Essenspause. Auch dieser Film fällt eher schweigsam aus, findet nicht so recht Worte für das Problem – geschweige denn eindeutige Lösungen. Einmal versucht Kerl nach Feierabend, die Werbefirma anzurufen. Aber auch hier bleibt offen, was genau ihn bewegt. Weil niemand rangeht.
©Ein Wartburg wird gereinigt
Oder KOMMUNIST KAR KOMMANDOS (1. Mai, 20 Uhr, Tickets) von Markus Mischkowski und Christos Dassios, der in ausgedehnter Langsamkeit die Reinigung – nein: Liebkosung – eines alten Wartburgs in Nahaufnahme zelebriert. Man könnte diese dreieinhalb Minuten als Reenactment und Hommage an Kenneth Angers Klassiker Kustom Kar Kommandos von 1965 lesen; doch geht es hier und heute nicht mehr nur darum, die männliche Liebe zum Auto auf ihren homoerotischen Gehalt abzuklopfen. Die nostalgische Volte zielt vielmehr auf den Experimentalfilm selbst und auf die DDR, aus der der Wartburg eben nicht zufällig stammt. Aber ist das nun Liebe? Parodie oder Dekonstruktion? Die Antwort bleibt aus.
©Nachdenklich, aber nicht resigniert
Diese Offenheit zieht sich in diesem Jahr durch den ganzen Wettbewerb: Das ausgesprochen anspruchsvolle Programm ist selten explizit politisch, dafür aber wohl auch nachdenklicher als in früheren Jahren des Wettbewerbs. Die Resignation vor multiplen Krisen hängt wie ein drohender Schatten über den Filmen, ohne aber – und das ist wichtig – die Oberhand zu gewinnen. Natürlich klingt es finster, wenn die Sprecherin in Miri Klischats Garden of Edie (1. Mai, 20 Uhr, Tickets) ihre Geschichte damit beginnt, dass sie als Jugendliche Schriftstellerin werden wollte und heute von Sexarbeit lebt. Nur erfährt man zum Ende, dass dies keine Erzählung vom Scheitern ist, sondern dass sie sich mit eben diesem Geld tatsächlich die Zeit zum Schreiben erkauft hat.
Und da findet sich vielleicht doch noch ein gemeinsamer Nenner im Programm: der Mut nämlich, Widersprüche auszuhalten, nicht aufzugeben, wenn es kompliziert wird, und die Wirklichkeit in ihrer Komplexität einfach mal wirken zu lassen, statt sie ununterbrochen zu erklären. Sicher, das ist ein bisschen anstrengend. Aber es lohnt sich, weil sie einen irgendwann doch packt: die eigenwillige Schönheit einer alles andere als rosigen Gegenwart.
Jan-Paul Koopmann
Termine
1. Mai, 15 Uhr, Lichtburg Tickets
1. Mai 20 Uhr, Lichtburg Tickets
Wiederholung
2. Mai, 18 Uhr, Kino im Walzenlager Tickets
2. Mai, 20 Uhr, Kino im Walzenlager, Tickets
©Hauptsache kurz – die wichtigsten Informationen rund um Tickets und Programme
Bei den Kurzfilmtagen geht es um Entdeckungen: Hier kann man sich von Bildwelten faszinieren lassen, die neu und anders sind, Filme sehen, die überwältigen, nachdenklich machen, anregen. Aus der ganzen Welt, immer im Original, und oft in Anwesenheit der Filmemacher*innen.
Sechs Tage lang bespielen wir die fünf Säle im Oberhausener Filmpalast Lichtburg und das Walzenlagerkino, ein gemütliches kleines Kino im Zentrum Altenberg. Ein Ticket gilt immer für ein ganzes Programm etwa in Spielfilmlänge, bietet also die Chance, gleich mehrere Filme auf einmal zu sehen.
Alle Filme werden in der Originalfassung gezeigt. Dabei bieten die Kurzfilmtage immer mindestens eine englische Übersetzung an, als Untertitel oder als Voice-Over per Kopfhörer. Im Kinder- und Jugendkino gibt es zudem bei allen Filmen auch eine deutsche Übersetzung.
In den Wettbewerben zeigen wir aktuelle Kurzfilmproduktionen aus der ganzen Welt. Wer sich für aktuelle Themen interessiert, wissen will, wo auf der Welt Kurzfilme gemacht werden, wie vielfältig sie sein können, ist hier richtig. Die thematischen Programme wurden von Kurator*innen zusammengestellt. In diesem Jahr geht es um Realität und Fiktion im Film. Oder um Omnibusfilme. Oder um die Outtakes aus Claude Lanzmanns Shoah. Oder um Entdeckungen aus unserem Archiv. Oder um Musikvideos – und vieles mehr.
Tickets?
Ganz einfach online auf unserer Programmseite buchen, mit einem Klick auf das gewünschte Programm kommt man bequem zum Ticketkauf. Ein Einzelticket kostet 8 Euro, mit dem 10er-Ticket für 40 Euro kostet ein Programm nur 4 Euro. Außerdem gibt es Karten an der Abendkasse in der Lichtburg und im Walzenlager – natürlich nur, wenn die Vorstellung nicht ausverkauft ist.
Wir wünschen viel Vergnügen!
Aktuelle Informationen:
www.instagram.com/kurzfilmtage.oberhausen
www.facebook.com/kurzfilmtage
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