
©Die Dingwelt schlägt zurück – ergeben wir uns dem Rhythmus
Der MuVi-Preis der Kurzfilmtage
Rhythmus. Körper in Bewegung. Das ist, was die meisten von uns wahrscheinlich zuallererst von einem Musikvideo erwarten. Der diesjährige MuVi Preis der Kurzfilmtage bietet genau das, unter anderem etwa in Stefan Lampadius’ Everybody (A 21 Years Later Video Edit) des Hamburger House-Duos Egoexpress: Archivaufnahmen aus dem Recording Studio und von einem Gig im Jahre 2005. Menschen, die schweißgebadet tanzen, witzeln, viben und eine Montage, die deren Bewegungen perfekt zur Musik synchronisiert, das historische Material zu einer schier endlosen Clubnacht loopt. Bei Electroclash-Queen Peaches wiederum pulsieren die Körper in pinken Tracksuits und verknoten sich miteinander wie in einer ausgelassenen Orgie. Das Video zu No Lube So Rude (Regie: Matt Lambert) wurde on location auf dem queeren Wagenplatz Marzipan an den Rändern Berlins gedreht und haut einem auf diese Weise alles Mögliche zu Gender und sozialen Rollenerwartungen um die Ohren, was aber auch in sämtlichen Subtilitätsschattierungen viele Musikvideos des Wettbewerbs durchdringt.
In All Glock No Cock von Olga Ringleb und Paula Kiermaier karikiert die Stuttgarter Rapperin ildikó im übergroßen Anzug den maßgeschneiderten, männlich gelesenen Prototypen kapitalistischer Verwertungslogiken und schüttelt sich regelrecht, um dies direkt wieder von sich abzuwerfen. Die Punkband SET hingegen lässt uns in Max Hilsamers Video zu Rote Süden die Illusion mitspielen, sitzt in einem surrealen Studio hintereinander gruppiert wie im Auto und stellt pantomimisch eine Fahrt komplett mit Lenkrad und Schlaglöchern dar.
©Sehr viel handfester ist das Video zu No More Roses des Elektropop-Duos Donna Regina (Regie: Graw Böckler), quasi ein Kurzdokumentarfilm über eine Demo in Chile zum 8. März. Dort sind die unterschiedlichsten Frauen versammelt, Sprayerinnen, Mütter mit ihren Kindern auf den Schultern, schwer bewaffnete Polizistinnen mit an die Uniform gehefteten Blumen. Die Kamera bleibt die ganze Zeit mit ihnen, ist eine von ihnen. All diese unterschiedlichen Versionen von Weiblichkeit, die sich auf die eine Forderung einigen — nie wieder Rosen —, scheinen schließlich in einer ikonischen Form zu verschmelzen: In IDLU von Lars Zimmermann und Paulina Wetzel spielt die Berliner Singer/Songwriterin TEll A ViSiONin einem denkbar minimalistischen Setting; ein weißer Cube und darin die Künstlerin, ganz in Schwarz gekleidet, nur mit Gitarre, Amp und leuchtend rotem Lippenstift. Das essentielle Image eines Rockstars, das seit jeher das Potenzial hat, Gendergrenzen zu verwischen, zu weiten und zu morphen. Genau wie die in einem Loop ineinander verschwimmenden Porträtzeichnungen einer Frau in Christina Romanos Video zu Sailing Away von Smoking Hand: Schwarze Linien auf Weiß, die sich nach und nach mit Farben füllen und immer neue Variationen von Schönheit hervorbringen.
©Es ist auffällig, wie viele Videos sich im diesjährigen Wettbewerb um den MuVi-Preis ihr Konzept bei anderen Künsten borgen, sich den aufwändigen, den umständlichen Materialien und Handwerken zuwenden. Kaum ein Clip wurde mit dem Smartphone aufgenommen, stattdessen gibt es im Wettbewerb eine Entdeckung wie Toby Cornishs Video zu The Way Through The Woods von den Pet Shop Boys, das im Rahmen einer Kampagne zur Rettung eines Berliner Stadtwaldes entstand. Es wurde nicht nur auf körnigem 16mm-Filmmaterial gedreht, sondern auch noch in einem eigens aus dem Laub gebrauten Sud entwickelt – ein Konzept, das der Filmemacher übrigens aus einem Workshop bei den Kurzfilmtagen mitgenommen hatte. Die Bilder von Zweigen, durch die das Sonnenlicht fällt, auf denen Kratzer, Lichtflecken und die Perforation des Filmstreifens sichtbar bleiben, sind so der doppelte Abdruck eines bedrohten Ortes.
Andere Projekte setzen auf Found-VHS-Footage, neben dem eingangs erwähnten Everybody auch das Video zu Rentrer à la maison (Regie: Timo Schierhorn und Uwe) des türkisch-französischen Duos Anadol & Marie Klock, in dem Aufnahmen aus einem Familienarchiv zeigen, wie ein Dackel gottergeben sein Bad in einer gelben Plastikwanne über sich ergehen lässt. Dazwischen geschnitten Aufnahmen des Hauses, altmodische Lampen und Uhren, die zu einem Memento mori werden, zu einer seltsam vertraut wirkenden, melancholischen Zeitkapsel.
©Dass Nikolas Müllers floating für myr. mit seinen übereinander gelagerten Bildebenen, Computerfenstern, verfremdeten Naturaufnahmen und wabernden Graphen etwas Ähnliches versucht, scheint im ersten Moment kontraintuitiv. Doch im Grunde simulieren diese Bilderwelten auch nur ein digitales Gedächtnis, als würde sich eine künstliche Intelligenz irgendwann in der Zukunft an eine Natur erinnern, die sie nur noch aus Texten kennt. Wir sind auf dem besten Weg dahin: Das Video zu Erst zahlen, dann malen! von und für Techno-Punk DJ Babyoil mutet an wie ein sarkastischer Kommentar auf das Geschäft mit der Kunst und bildet mit KI-generierten Bildern eines seine Kunden verschlingenden Künstlerbedarfladens die perfekte Schlusspointe des Wettbewerbs. Die Modelliermasse schlägt zurück — uns bleibt einmal mehr nichts anderes übrig, als uns dem Rhythmus zu ergeben.
Katrin Doerksen
2. April – 2. Mai 2026
Jetzt für den MuVi-Preis abstimmen!
Zwölf nominierte Clips stehen zur Wahl.
Auf der großen Leinwand sind alle Videos am Samstag, den 2. Mai 2026 um 22 Uhr bei der MuVi-Preisverleihung zu sehen.
©Zum Musikvideoprogramm der Kurzfilmtage gehören außerdem der MuVi International mit 19 großartigen internationalen Clips, und der MuVi 14+, eine Extra-Sammlung mit 19 Musikvideos für alle Menschen ab 14. Und hier empfiehlt das Team der Kurzfilmtage Lieblingsclips aus dem MuVi International und MuVi 14+.
Termine
MuVi 14+ 29. April, 10.30 Uhr, Sunset Tickets
MuVi International 1. Mai, 22 Uhr, Lichtburg Tickets
MuVi Award 2. Mai, 22 Uhr, Lichtburg Tickets
MuVi 14+ 3. Mai, 15.15 Uhr, Star Tickets
Musikvideos satt bei den Kurzfilmtagen
MuVi International und MuVi 14+
Musikvideos auf der großen Kinoleinwand mit Kinosound gibt es bei den Kurzfilmtagen nicht nur beim MuVi-Preis, sondern auch im MuVi International und, ganz speziell für alle Menschen ab 14 ausgewählt, beim MuVi 14+. Clips von Mike Mills oder Jennifer Reeder, für A§SAP Rocky, Die Sterne, The White Stripes oder Lola Young, Entdeckungen aus Brasilien oder den Philippinen. Hier zeigt sich das Musikvideo verspielt, avantgardistisch, revolutionär oder melancholisch, aber immer mitreißend.
Einige persönliche Empfehlungen aus dem Kurzfilmtage-Team:
MuVi International
Psycho Killer (Talking Heads)
Regie: Mike Mills, USA
"You're talking a lot, but you're not saying anything"
Nach fast 50 Jahren Warten liefern Mike Mills und die Talking Heads nun endlich auch das Musikvideo zum bekannten Song. Besonders überzeugt mich am Video, dass es nicht wie zu erwarten in die Norman Bates Richtung geht, sondern die intrusiven Gedanken des Alltags von Saoirse Ronan verkörpert werden. Am Ende steckt wohl ein bisschen „psycho killer" in uns allen.
Sophia, PR und Marketing
MuVi 14+
I’M BUSY (Koki Sakakihara),
Regie: Miho Kidoguchi, Japan
I’M BUSY beschreibt ein Gefühl der alltäglichen Überforderung und die Sehnsucht nach ein paar Minuten Ruhe auf dem stillen Örtchen. Der Plan sich die aufwendige Frisur zu machen und dabei ungestört zu bleiben, wird hier immer wieder durch die nächste lästige Störung unterbrochen: das Handy hört nicht auf zu klingeln, das Wasser kocht, der Hund möchte gestreichelt und die Pflanzen gegossen werden. Und wenn dass alles erledigt ist klingelt auch noch der Postbote. Die immer schneller werdende Musik gepaart mit der absurden Animation steigern das Gefühl von Stress bis einem schlussendlich der Kopf platzt. Dem zuzuschauen und zuzuhören hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, und mich meine eigenen To Dos für kurze Zeit vergessen lassen.
Konrad, Kinder- und Jugendkino
MuVi International
Red Rain (The White Stripes)
Regie: Conor Calahan, USA
Das Musikvideo hat mir sehr gut gefallen und ich finde es sehr gelungen. Die Idee mit den kleinen Figuren und Bausteinen ist kreativ und macht Spaß beim Zuschauen. Man merkt, dass viel Arbeit und Mühe darin steckt.
Amelie, Organisation
MuVi 14+
I Miss My Dog (M(h)aol
Regie: M(h)aol, Irland
Das Musikvideo I Miss My Dog hat mir besonders gut gefallen, weil es trotz seiner simpel erscheinenden künstlerischen Umsetzung ein vielschichtiges Thema anspricht, den Verlust und die Erinnerung an einen tierischen Begleiter.
Es ist das Ergebnis eines gemeinschaftlichen Projektes zwischen der Band und ihrer Community, was mir ebenfalls sehr gefällt. Alle Hunde, die in dem Video gezeigt werden, stammen von Fans der Musiker. Als weiteres liebevolles Detail, kann man die Namen der Hunde in der Beschreibung des Videos einsehen. Diese kollektive Hommage beeindruckt mich sehr.
Hannah, Pressebüro
MuVi International
Work in ProRes (Saeko Killy)
Regie: Christine Gensheimer, Deutschland
Work in ProRes ist ein surrealistischer Animationsfilm zu Saeko Killys futuristischem Soundtrack, der einen sofort in seine Bildwelten hineinzieht. Auf einem Spaziergang durch Christine Gensheimers traumartige Bildcollagen entfalten sich abstrakte Räume, die durch ihre dynamische Animation und klangliche Gestaltung mitreißen. In fließenden Übergängen zerfallen Räume und setzen sich immer wieder neu und anders zusammen. Menschenähnliche Figuren scheinen sich durch Bildschirmoberflächen zu bewegen, begleitet von natürlichen Geräuschen, elektronischen Klängen und verfremdeten Stimmen - für mich eine immersive und besonders ästhetische Umsetzung, in der Traum und Wirklichkeit ineinander übergehen.
Ronja, Deutscher und NRW-Wettbewerb
MuVi 14+
Fake ID (XCOMM)
Regie: Connor Ellman, USA
Das Musikvideo Fake ID überzeugt nicht nur mit einem guten und pointierten Hardcore Punk Track, sondern auch mit echter Punk Attitude und charmanten Witz. Die jungen Protagonisten verkleiden sich als Omas und versuchen Alkohol zu kaufen, was ihnen leider, trotz der „überzeugenden" Verkleidung verwehrt wird, weswegen sie kurzerhand sich doch dazu entscheiden, den Alkohol einfach zu stehlen. Dies wird mit Bildern der Band, die ihr Set Up in dem Kiosk aufgebaut haben, unterstrichen und von Einspielern des Kassierers untermalt, der charmante Schauspielfähigkeiten an den Tag legt.
Durch das Video entstehen interessante Kontraste zwischen Laut und Leise. Neben der lauten und unruhigen Musik hört man nur ruhige Meeres- und Umgebungsgeräusche. Auch interessante Kameraeinstellungen und Kamerafahrten überzeugen sehr. Es wird mit Schärfe und Unschärfe gespielt und die Kamera setzt interessante Perspektiven. Dies macht das Musikvideo nicht nur hörens- sondern eben auch sehenswert!
Cora, Kinder- und Jugendkino
©Hauptsache kurz – die wichtigsten Informationen rund um Tickets und Programme
Bei den Kurzfilmtagen geht es um Entdeckungen: Hier kann man sich von Bildwelten faszinieren lassen, die neu und anders sind, Filme sehen, die überwältigen, nachdenklich machen, anregen. Aus der ganzen Welt, immer im Original, und oft in Anwesenheit der Filmemacher*innen.
Sechs Tage lang bespielen wir die fünf Säle im Oberhausener Filmpalast Lichtburg und das Walzenlagerkino, ein gemütliches kleines Kino im Zentrum Altenberg. Ein Ticket gilt immer für ein ganzes Programm etwa in Spielfilmlänge, bietet also die Chance, gleich mehrere Filme auf einmal zu sehen.
Alle Filme werden in der Originalfassung gezeigt. Dabei bieten die Kurzfilmtage immer mindestens eine englische Übersetzung an, als Untertitel oder als Voice-Over per Kopfhörer. Im Kinder- und Jugendkino gibt es zudem bei allen Filmen auch eine deutsche Übersetzung.
In den Wettbewerben zeigen wir aktuelle Kurzfilmproduktionen aus der ganzen Welt. Wer sich für aktuelle Themen interessiert, wissen will, wo auf der Welt Kurzfilme gemacht werden, wie vielfältig sie sein können, ist hier richtig. Die thematischen Programme wurden von Kurator*innen zusammengestellt. In diesem Jahr geht es um Realität und Fiktion im Film. Oder um Omnibusfilme. Oder um die Outtakes aus Claude Lanzmanns Shoah. Oder um Entdeckungen aus unserem Archiv. Oder um Musikvideos – und vieles mehr.
Tickets?
Ganz einfach online auf unserer Programmseite buchen, mit einem Klick auf das gewünschte Programm kommt man bequem zum Ticketkauf. Ein Einzelticket kostet 8 Euro, mit dem 10er-Ticket für 40 Euro kostet ein Programm nur 4 Euro. Außerdem gibt es Karten an der Abendkasse in der Lichtburg und im Walzenlager – natürlich nur, wenn die Vorstellung nicht ausverkauft ist.
Wir wünschen viel Vergnügen!
Aktuelle Informationen:
www.instagram.com/kurzfilmtage.oberhausen
www.facebook.com/kurzfilmtage
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